Musik(III)

Jochen Distelmeyer – Gefühlte Wahrheiten (am 1.7.2022 veröffentlicht, heute)

Nach 2009 ein neues Album von Jochen Distelmeyer. In der Varietät der Songs von seinem ersten Soloalbum kann ich mich eher wiederfinden. John Lennon ging einen ähnlichen Weg von den Beatles zu seinen letzten Solowerken wie Distelmeyer von Blumfeld zum ersten Soloalbum und vom ersten zum zweiten Soloalbum: „Thank you Woman“! Die Songs werden persönlicher. Drehen sich mehr um konkrete Liebesbeziehungen. Um das Hier und Jetzt. Aber was geht es mich an? Wenn ein Sänger Cyrano de Bergerac- mäßig seine Liebste anhimmelt, wozu werde ich dann gebraucht? Distelmeyer kann natürlich gut singen. Er nervt mich nicht damit. Mit Last und Lust der Liebe. Auch zwei der drei englischen Nummern drehen sich darum. Nur „The Reason“ ist ein wenig anders. Hank Williams trifft SWA mit „Oklahoma“ als blindem Fleck. SWA waren aber Musikerfinder. Das hat mir bei Distelmeyer schon immer gefehlt. Es gab Ansätze. Er ist aber schon musikalisch(Trompete) geschult und die Stimme ist für die Hauptmelodielinie da. Die Instrumente geben nur die Begleitung. Raum für Gefühl. Dazwischen gibt es manchmal ein Zwitschern oder andere Untermalungen: Erinnerungen an das Urrauschen. Warum eigentlich „Nicht einsam genug“? Ich finde keinen Song wirklich schlecht. Aber soll dieser Song vielleicht der Einseitigkeit der Beziehungsthematiken begegnen? Kompensatorisch? Ein bekannter verstorbener (bisexueller) Sänger wollte nicht wissen, wie einsam der(?) oder die(?) Andere ist. Ich habe das so gelesen, dass die Informationen über das eigene Leiden an der Einsamkeit für Andere nur einen begrenzten Wert besitzen. Anders ausgedrückt: ich muss dich erst einmal lieben, bevor ich dich vermissen kann. Und ich muss dich erst einmal kennen, bevor ich mich in dich verlieben kann. Und außerdem wären wir somit wieder bei „The Reason“. „Nicht einsam genug“ besitzt den schwierigsten Text und ich gebe zu, ich habe ihn noch nicht ganz verstanden. Vor allem die 7. Strophe bereitet mir Probleme. Man kann sicher sagen, dass Distelmeyer ein Künstler ist. Er kann was und kann dieses Können mit Leben füllen. Ob er ein großer Künstler ist? Es gibt so wenige große Künstler im Bereich der populären Musik/Kunst. Wenn ich ehrlich bin: er ist ein guter Sänger, aber wenn er ein großer Künstler ist, dann nur aus Ermangelung wirklich großer Künstler in diesem Bereich.

Dann wären da noch die vier Videos mit Songs von dem neuen Album. Das letzte ist ein Bosse-Video. Kommentare spare ich mir hier. Eine letzte Distanz behält sich Distelmeyer immer vor. Die Verweise kann man alle leicht entschlüsseln. Distelmeyer positioniert sich, aber nicht lautdröhnerisch. Sondern er zeigt eher auf. Ich kann ihn somit auch nicht als den politischen Feind bekämpfen, der er früher teilweise dezidiert oder teilnehmerisch war. Letztlich habe ich aber nie vergessen, dass das alles auch ganz anders sein kann. Oder wie lässt Distelmeyer die Frauen so schön singen: „Die Welt ist anders als du denkst“. Dann aber wechselt er von Harbard zu Thor. Wenn die Frau zur Riesin werden will, dann wird sie gedistelt. Der Titel des Albums ist auch politisch gemeint und spielt auf den Populismus an. Die Hauptfrage von Distelmeyer war schon immer: wie politisch kann Liebe sein? Somit ist er mit seinem zweiten Album noch mehr angekommen. Man kann die Bedeutungen gar nicht mehr aus der Versenkung herausholen, so tief sind sie schon verwurzelt. Distelmeyer kann lügen, wie er will, wir würden es nicht merken. Pop, die schöne, feile Lüge. Was fehlt noch? Der Schauspieler Distelmeyer! Die ersten zwei Videos legen eine Rolle als mürrischer Cowboy nahe, der einer Fährte folgt, um den Bösewichten eine Falle zu stellen.