POPNOTIZEN2019

POPNOTIZENJanuar2019/1

Vorausgeschicktes:

drei Sachen sind mir über den Weg gelaufen, die mich interessiert haben; zuerst stecken die Sinne immer ein Feld ab; und dann „Only Time will Tell“ schaut die Seele, wie der Sinn hineinpasst; es gibt die Lebenszeit und es gibt die Gefühlszeit; bei der Musik entscheidet die Gefühlszeit; eine „Weile“; es gibt eine kurze Weile und eine lange Weile; bei der langen Weile steigt man aus wie aus einem Autoscooter; der kurzen Weile gibt man eine Chance, dass sie nicht zu einer langen Weile wird; währenddessen kann sie mit immer mehr Erlebnisgehalten angefüllt werden; durch Musik kann Zeit im Innern ankommen -> die Weile wird breit; jede Breite besitzt aber eine bestimmte Länge; es ist die Länge der Breite der Welle, mit der sie sich auf das Land zubewegt;

zu der kurzen Weile(dem Abstand zwischen den Wellen) ist zudem eine komplementäre Länge aller weiteren Wellen dahinter und davor hinzugekommen sowie eine der gesamten zusammenhängenden Wasseroberfläche; erst Wellenabstand und Wellenbreite konstituieren eine Fläche, die Meer sein kann; das Meer besitzt wie der Himmel eine Tiefe; manchmal gibt der Himmel den Blick auf die Sterne frei

LOST UNDER HEAVEN – Love hates what you become

Post Criticus(P.C.?): … (vergessen).

POPNOTIZENJanuar2019/2

MONO – Nowhere Now Here

– Japaner versuchen – wie Franzosen – Musik Englisch zu sprechen und Amerikanisch zu hören und zerstören dabei „Hotelzimmer immer“; einfrierende Soundscapes; dem Drachen gefriert sein Atmen im Dräuen des Neuen; immer wieder ein Zurück: Reversibilität; in der Kälte zu genießen; nicht kalt wie Wein, sondern die im Kälteschlaf das All durchziehenden Teilchen einer Supernovaexplosion sind bei ihrem Eintreten in die Planetenatmo sonisch (verglühend) abzufangen; drei Worte, die hier das Gleiche bedeuten: Ich=Gefühl=Kultur; es gibt also einen Sender; eine Absicht; eine Wahl der Mittel; ein Nachdenken vor der Wendung an die/den Nächste(n), der in der Popkultur auch die/der Fernste sein darf; Anti-Bedrängnis-Manöver; wir betreten das Eis auch, wenn es bricht; ja, wir gehen das Risiko ein; denn im Bereich des Symbolischen sind alle Probleme schon gelöst; höre diese „Realität“!; lass‘ sie auf dich zuschweben; sie soll dich umfangen wie ein Mantel aus Vergessen; ich schreibe ins Leere und bin schlauer denn je; und nun das „Wohl“: der Zirkel schließt sich; Selbstfindung im Strom der Musik; man könnte in der Musik versinken, aber auch beim Aufprall zerbrechen; eine spröde Unentschiedenheit durchzieht die Platte, die nur als Nachtschattenpflanze Blüten in einem Kontinuum von Grauschattierungen schlagen darf; die Musik lädt zur Meditation ein; ein Weg zu erleben, die Seiten des (noch) nicht gelebten Lebens; ein fester Grund und du kannst gehen; mit dir hinter dir schaust du nicht zurück; das Globale vor dir als Expression der Grenzen von allem; immer wieder läuft man in Gefahr, ein Wesen zu verletzen, z.B. eine Kröte zu zertreten, die einem ihre Weisheiten dann nicht mehr verraten könnte; Kommunikation braucht Selbsteinübung; dann kann sie florieren; jenseits des Zwanges; jede durchlaufene Veränderung kann sich als Illusion entpuppen; und man ist nicht böse, sondern im Gegenteil, zieht das reversible Geblendetsein der Ernüchterung des Hier, dann Jetzt (statt des Hier und Jetzt) vor; zum Ende hin wird die Platte etwas nachdenklich; wie jemand, der auf dem Rückweg das Erlebte reflektiert; aber immer noch lebendig; die Auslaufrille als der Ganzheit erfordende Tod des(/im) Medium/s?

POPNOTIZENJanuar2019/3

Cass McCombs – Tip of the Sphere

mir sind nur drei Songs über Youtube bekannt

„The Great Pixley Train Robbery“

kann die Beziehung von Text und Musik dramatisieren; obwohl seine Stimme nicht mitrocken will; aus der Waschstraße kommt immer die gleiche Intensität; von den Meat Puppets beeinflusst; hat wohl mit ihnen getourt; statt Mäandern aber „Hahn auf“ und „Hahn zu“;

„Sleeping Volcanoes“

er kann auch komplex anfangen und Erwartungen schüren; rational wie ein alter Goethe: „Help me Armageddon, Help me Armageddon, Help me to become!“; so lange man verbalisieren kann!?; kein Abbruch, sondern das Chaos bleibt immer beherrschbar; bei den Meat Puppets noch das Ergebnis eines Lernprozesses; denn das Chaos bleibt einzigartig; die Töne hier aber wie die Perlen an einer Schnur um den Hals gelegt nur gleichartig?; vielleicht kommt es auf den schönen Hals an; das Chaos als Wolke, die vorüberzieht; das Auge kann Formen hineininterpretieren; doch die Luft zerrt an allen Ecken; erst ist sie Trump, dann Honecker und dann Link Wray; entscheide Dich, Wolke!; schon entschwunden in ein Nichts und ich nenne sie „Nietzsche“.

„Estrella“

nicht nur der Bass wieder wie bei den Meat Puppets; aber ohne „deren Gefährlichkeit“; ich bin mit „Oh me“ auch schon `mal nicht klargekommen; stattdessen sind Sterne schon etwas Fixes, an dem man sich orientieren kann; und wenn schon eine Frau so heißt, kann man sich dann an den Gefühlen für sie verbrennen?

POPNOTIZENFebruar2019/1

Für Bands, die aus Musikern/Musikerinnen bestehen, die nicht `mal halb so alt wie ich sind, verwende ich manchmal Abkürzungen; wer es finden will(es braucht?), wird es finden

B.F. – K.

Es gibt einen Chor(oder zumindest etwas funktional Äquivalentes) und dann immer wieder durchbrechende Töne/Akteure, die sagen „ich bin(Mondklang?)“. Eigentlich nicht viel mehr. Die Musik ist die Sonne und der Gesang ist die Korona, deren Züngeln immer wieder der Anziehung der Schwerkraft entkommen will, die auch die Erde auf ihrer Bahn hält.

Es geht nicht darum, dass dies die tollste weltverändernde Musik sein muss. Es geht für den Zuhörer darum, zu „hören“, durchzuhalten, zu warten, auf seine besonderen Momente, die seinem Inneren mit Sicherheit entlockt werden.

Auch wenn Jugend nur einen Ton hätte, um Schall zu sein: wer sie stoppt, verwehrt der Welt ihren Genuss. Und die Musik von B.F. ist natürlich weit komplexer als nur ein Ton. Um so mehr Genuss.

Die Platte wächst beim Hören. Only time will tell: gewonnen. Das Herz als das Abbild meines Urknalls. Erst einmal hineingesogen, … . Unaufdringliche Musik(, die das Warten belohnt).

C.G. – „S. …“

Sie sagt: „Ja: Nein!“ Ich sage schon einmal als Entgegnung: „Nein: Ja!“. Ready? Etwas Zeit brauche ich noch. Rosen haben Dornen. Ich wette auf den süßen Duft. Und wenn ich die Wette verliere, bleiben zumindest noch Melodien zum Mitpfeifen. Ich gehe automatisch mit. Es muss mich etwas daran in meinem Kernselbst ansprechen.

Sie verliert ihre Stimme. Was will man mehr? Nicht die Forderungen der Welt zählen: lasst die Welt weltlich sein! Ich blättere in diesem Magazin. Diese billigen Klamotten? Worte, die hier das Gleiche bedeuten: Ehrlichkeit=Kunst=Größe? Die Verschwendung in der Kunst als Weg für die Schönheit; aber nicht: Verschwendung der Schönheit für die Kunst. Der schmale Pfad – er möge zum Ziel führen! Ich mag das Blühen und nicht die Ansammlung von Bösem! Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft/Liebe. Ready.

Chromatics – Time Rider

ich lass mich gerne entführen in eine künstliche Welt, ein neues Universum, dessen Herzschlag;

es gibt nur eine Bedingung: die einzige Bedingung sei „Liebe“; die Außenwände eines Körpers; die Außenwände jeder Zelle: semipermeabel; ein Pochen; die Adern verzweigen sich konsequent und berühren sich auch am Ende nicht, damit das Gefühl überall noch gespürt werden kann; warum sollte das aufgehört haben? unendliche Synthetizität; die Erde besteht aus Nichts, Alles aus Himmel; man kann diese Musik hassen … oder genießen; gib auf!: der Körper ist die Basis für Erfahrungen des Geistes, der ihn für Exkursionen in Raum und Zeit verlassen kann; konsistente Authentizität hilft der Atmosphäre; dein Universum (als unsere Disco?)!

POPNOTIZENFebruar2019/2

Vorausgeschicktes zu Motorpsycho und Archive: Prog-Rock?

Progressiver Rock; so wird zumeist diffizilere Musik betitelt; Musik, die ihre Wasser nicht mehr aus der ursprünglichen Quelle des „Rock‘n‘Roll“ trinkt?; entweder es steckt ein stärkeres inhaltliches Konzeptdenken dahinter oder die Musik wird komplizierter, weil die Beschäftigung mit der Musik die Auflösungsmöglichkeiten des Ausdrucks vergrößert hat; bei Prog-Rock meist nur linear

ich war nie ein Verfechter von Prog-Rock als Genre; ich habe es weder abgelehnt noch es verteidigt; die Zunahme der Ausdrucksmöglichkeiten kann kein Grund für deren Zurschaustellung sein, für das Neue nur spontan(„Improvisation“);

Aristoteles: „Das, was aus Bestandteilen so zusammengesetzt ist, dass es ein einheitliches Ganzes bildet – nicht nach Art eines Haufens, sondern wie eine Silbe –, das ist offenbar mehr als bloß die Summe seiner Bestandteile. Eine Silbe ist nicht die Summe ihrer Laute: ba ist nicht dasselbe wie b plus a, und Fleisch ist nicht dasselbe wie Feuer plus Erde.“ (aus „Über die Substanz“, Metaphysik)

es muss ein Sinn dazukommen, denn „alle“ Einzelteile werden zusammen auch bei unendlicher Auflösung kein Ganzes ergeben ; das, was man mit den größeren Ausdrucksmöglichkeiten ausdrücken will, muss auch an Komplexität zugenommen haben; sodass man nicht nur von vermehrter Quantität, sondern auch von besserer Qualität sprechen kann: schöner und stärker;

Punk brach mit der Logik der zunehmenden Ausdifferenzierung, diskreditierte Verfeinerung als Verflachung;

was wirklich hinter diesem „Bruch“ steckte? vielleicht eine Notwendigkeit: die „ZERSTÖRUNG DES TRAUMES“; das kritische Potential von Prog-Rock bleibt oft begrenzt; Konzept-Kunst wie

bei Pink Floyd durchschaute die Gewalttätigkeit der eigenen gewählten Ausdrucksformen z.B. nicht mehr; wenn man den Traum nicht zerstört, also weiter in ihm lebt, kann man die Realität nicht verändern; doch der Traum bleibt ein wesentlicher Bezugspunkt von Kultur überhaupt; u.a.: Morpheus(der Synthetisierer von Bedeutungen) ist der Sohn des Hypnos(der große Synthetisierer und Tauscher von Kraft und Stoff); man kann der Repetition nicht entgehen; dem Zyklus von Wiederholungen; doch wenn der Tag anbricht: das Licht macht alles neu; jeder Lichtstrahl ist einzigartig; geht es also im Wesentlichen um den Kampf zwischen Dunkel und Licht/Helligkeit?; wenn Prog-Rock sich nur um den „TRAUM VON DER ZERSTÖRUNG“ dreht, dann steht das Dunkel im Vordergrund;

Prog-Rock als die Halkyonischen Tage für Rock‘n‘Roll?;

dann schon lieber Pop als Eisvogel;

Prog-Ausdruck als die Bahn des Blitzes und als die Zähmung des Sturmes:

wenn Prog-Rog bescheidenerweise (und aufrichtiger?) nur musikalisch verstanden wird und nur bedeutet: mehr „Widerhaken“, Kritikfähigkeit also nur musikalisch „transportiert“ wird, gibt es Überschneidungen mit z.B. Metal und Hardcore;

POPNOTIZENFebruar2019/3a

Motorpsycho – The Crucible

Exzessiven Rock/Rock‘n‘Roll/Metal/Punk höre ich immer gerne. Solange man nicht herummatscht wie im Sandkasten. Ach ja, die Cosmic Psychos mochte ich trotzdem auch `mal. Obwohl sie außer einem gigantischen Namen, erratisch-waberndem Guitarrennoise, Monotonie und Dilettantismus nicht viel zu bieten hatten. Sie dann live mit Ross Knight als Sänger zu erleben, hat gereicht, um sie nie wieder zu mögen. Danke!

Das Instrument ist für den Musiker ein Werkzeug, aus dem er etwas herausholen kann. Und zwar mit erkennbaren Wirkungen und Intensitätssteigerungen. Zu diesem übergreifenden Genrefeld der exzessiven Guitarrenmusik gehörten auch Motorpsycho, obwohl der Name der Titel eines RussMeyer-Films ist. Diese Art der Guitarrenmusik hatte viel mit psychischer Prozesshaftigkeit zu tun. Nicht mit synaptisch vereinzelten Konnektionen, sondern mit dem Zusammenspiel aller Konnektionen bei zunehmender Konvergenz von Außen (Milliarden Menschen) und Innen (Milliarden Nervenzellen). Sie wirkte als Katalysator für das Durchbrechen und das Hintersichlassen von Barrieren. Dieser Materialismus der rauschhaften Töne brauchte keine Beihilfe durch die Einnahme von Psychopharmaka.

Die Musik wie ein wildes Pferd, das man über eine weite Strecke losgaloppieren lassen will. Aber nicht so bei Motorpsycho. Nicht, dass sie das Dressurreiten dem schnellen Galopp vorziehen würden. Aber sie behielten die Vielseitigkeit im Blick. Das Vielseitigkeitsreiten war ihr Ding: Dressur, Geländeritt und Springen.

Nichts gegen Kunststücke und Sprungfähigkeiten. Aber sie sind nicht als getrennte Disziplinen vorzuführen, sondern sie sollten von selber auf eine natürliche Weise ihren Platz im Ganzen finden und erfüllen so ihre Funktion. Und würden das auch in einer natürlichen Situation/Umgebung/Landschaft.

Die Situation, die man antizipiert, schafft man erst: Motorpsycho auch eine Wettkampfsituation, die zur Zerstückelung der „Disziplinen“ führt, die als Zusammenhang erst ein Ganzes begründen. Motorpsycho lässt uns an diesem für sich genommen Natürlichen im Unnatürlichen teilhaben.

Erschöpfungsphasen nach dem sich von selber verstehenden Galopp (Urkraft) eignen sich für das Beibringen von Kunststücken und Hindernisse erfordern eine besondere Aufmerksamkeit und Fokussierung des Pferdes.

Hindernisse schaffen Abwechslung, sind natürliche Zäsuren, in denen sich das Vorher und das Nachher spiegeln können. Wenn der Weite unmittelbar eine überwindbare Höhe entgegengesetzt wird, bedeutet das auch Freiheit. Ein anderer Vektor, ein Impuls direkt entgegen der Schwerkraft. Das übersprungene Hindernis steht auch jeweils für den gemeisterten Übergang von einer Intensitätsphase zu einer anderen. Wenn der Spaß/die Freude/die Ekstase (und nicht das Könnenkönnen) die Handlungen antreiben, ergibt sich die Ökonomie des Intensitätsaufbaus von selber(„Rock‘n‘Roll“!). Bei Motorpsycho zumindest nicht ungeteilt der Fall. ….

POPNOTIZENFebruar2019/3b

Kunststücke können das Ganze im Detail erklären. Können Hinweise auf den Sinn der eingeschlagenen Richtungen geben oder den Richtungswechsel nichtzufällig einleiten. Die Dressur besitzt die größte Zeichenhaftigkeit der drei Disziplinen. So kann der Intensitätsaufbau auch eine innere Bedeutung erhalten, das „Ganze“ nach außen eine Präsenz erhalten und so können die Bedeutungen der einzelnen Teile für das Ganze und ihre Verhältnisse zueinander im Werk selber wichtig/bedeutsam werden. Unter der Bedingung sinnhafter Kontinuität kann so kognitiv von jedem Punkt im Zeitablauf vor und zurück zu jedem anderen gesprungen werden.

Beim Denken gibt es eine analoge Aufteilung: der Galopp = die Mühen der Ebene des Weiterdenkens und logischen Abklopfens; das Springen = die Hindernisse vor der Erkenntnis überwinden(das Hindernis als das (vorerst) letzte Problem, dessen Lösung einen Erkenntnisprozess abschließt); die Kunststücke/Dressur = Herumexperimentieren/ Explorieren/Austesten. Beim Musikhören folgt man den Melodielinien, etc. und das Denken verfolgt diese Entwicklungen mit und die Ähnlichkeiten mit dem eigenen Operieren werden dabei auch wahrgenommen.

The Crucible besteht aus drei Stücken mit zunehmender Länge. Das Titelstück ist über 20 Minuten lang. Die Musik ist stark am harten „progressiven“ Rock der Seventies orientiert. Mit ausschweifenden Instrumentalpassagen. Manchmal auch jazzrockinfiziert, aber dies nie einheitsgefährdend. Das hymnische Gesinge brauche ich nicht. Der Inhalt der Texte kann mir auch nichts bedeuten. Wegen dem starken Rhythmus und der Dichte des aufgebauten Drucks in den dynamischen Instrumentalpassagen aber durchaus hörenswert. Wie ein Gewitter, das losbricht. Es bleibt der Galopp, den sie beherrschen. Obwohl mir der Sinn des Ganzen entgeht. Auch in den treibenden Intsrumentalphasen bleibt diese Frage zurück- und voraussinnend präsent. Wenn nach einem wilden instrumentalen Parforceritt zahmer Hippiegesang folgt, geht jede Kontinuität des Intensitätsaufbaus verloren. Motorpsycho-Stücke sind oft komplex, aber fast nie ganz stimmig, was die Längen der Passagen im Verhältnis zueinander angeht.

Für mich würde es reichen, die dynamischen und rhythmisch/harmonisch wilden Passagen aus allen Motorpsycho-Platten herauszuschneiden und aneinanderzufügen. Die Gesangsspuren (falls bei diesen Passagen vorhanden) würde ich dabei gänzlich löschen. Dann hätte ich aber nur die horizontale Ebene: das Lospreschen, etc. Es würde noch die vertikale Ebene fehlen, um die irgendwie dahinter stehende chiasmatische Vollständigkeit zu erreichen: der Turm(the Tower) oder doch eher muskulöser Gesang/Drachenlungen?

Vorausgeschicktes: Was ist Jazz??

Ich habe mich einmal für die Genealogien der Popmusikgenres interessiert. Auch für Jazz und Blues. Letztendlich hat sich da nicht viel Interessantes ergeben. Es gibt da wohl eine Bipolarität von der Unterhaltung für eine Menge (eher Jazz) und der kompensatorischen Selbsttherapie gegen Verlustschmerz (eher Blues). Jazz ist eher einfältige Vielfalt und Blues ist eher vielfältige Einfalt.

Blues ist eher Intensität für die Extensität und Jazz ist eher Extensität für die Intensität, weswegen Jazz sich auch eher den Musikakademikern zum Beweis ihres Könnens andient. Denn die Intensität lernt man eher für sich selbst bzw. im Kontakt mit einem Lehrer als sein Schüler und eher nebenbei, indem man ihn z.B. als sein Lehrling auf seiner Wanderschaft begleitet. Also nicht-universitär. Das ist ja auch das Verhängnis der US-amerikanischen Black Community-Gelehrtheit, die sich selbst in einemWissen einer nicht mehr persönlich kennenlernbaren Generation ersäuft. Der immmer noch gegenwärtige Gegenpol ist dann Hip Hop als eine Musik der Blocks oder sogar der Ghettos, ähnelt dabei eher dem Jazz in der Funktion der Unterhaltung einer Menge,. Jedoch besteht diese Menge im direkten Kontakt eher aus Jugendlichen bzw. Menschen der eigenen Generationen mit ähnlichen Lebenserfahrungen oder Generationsprägungen. Aber Hip Hop wird auch von den Schwarzen businessmäßig ausgebeutet bzw. bekommt einen uniformen Anstrich durch die Konzentration auf das hineinfließende Geld der Konsumenten oder entartet durch immer mehr Verschleifungen und Verschlingungen von Ausdrucksformen. Ein neuer Slang, der ärmer ist als Hochsprache, stellt an sich noch keine Innovation dar.

Mich interessiert am Jazz am meisten die Verbindung zwischen Freiheit und Energie, also nicht der Jazz an sich, seine Kunst, seine Präparationen, die für viele Jazzmusiker so wichtig sind, sondern das Gefühl der Freiheit und die transportierte Energie, die eigene Energien freisetzt. Deshalb war ich auch gegenüber der Miles-Davis-Hippiebegeistertheit immer kritisch eingestellt. Die schwarzen Katzen schlingelten sich für mich zu sehr duch‘s Leben. John Coltrane und Albert Ayler stellten mehr die Spiritualität in den Vordergrund und Spiritualität bedeutet immer besondere Konsequenz, hörbaren Geist, wenn man so will.

Die Musik der Zeit:

Ich wollte diesen Monat auch über zwei Labels schreiben. Jedoch ist das Berliner Label noch sehr jung und die Veröffentlichungen sind noch nicht so herausragend. In Buenos Aires gibt es etliche kleine Labels mit Jazz und experimenteller Musik. Viele werden wohl für den Output von Musikhochschulabsolventen gegründet. Der Universitäts-Gedanke als Label outgesourcet sozusagen. Soweit ich das übersehen kann, überwiegt bei jedem der Gedanke, dass Quantität schon die eine oder andere Qualität mit sich führen wird. Und wenn es die Explosion gibt, schiebt sich eine Lawine gen Tal. Natürlich eine Illusion. Es gibt dort Labels, die funktionieren als Kollektiv, wo es auch Platten gibt, wo die Musiker der einzelnen Bands als eine Band fungieren. Dann gibt es Labels von Einzelpersonen, bei denen Visionen erkennnbar sind und die Labels auch zur notwendigen Veröffentlichung eigener Sachen und jener befreundeter Künstler genutzt werden. Ein junges Label eines kolumbianischen Kompositionsstudenten(-absolventen?) in Buenos Aires ist schon bei seiner 22. Veröffentlichung angelangt. Es existiert seit anderthalb Jahren und die erste, dritte und neunte Veröffentlichung würde ich mir sofort zulegen, wenn ich Geld hätte. Bei der Nr. 1 und Nr. 3 spielt er am Bass selber mit. Nr. 9 ist die Solo-Veröffentlichung der Cellistin, die bei der frechen Nr. 3 mitspielt. 3 von 22 ist schon eine zienlich gute Ausbeute. Der Labelgründer ist gerade 28. Ich werde das weiter verfolgen. Wer suchet, findet. Auf Bandcamp kann man sich so vieles anhören. Als Filter bin ich mir zu schade. Vielleicht am Ende des Jahres.

Die Vorträller-Drossel draußen mag besonders Veröffentlichung Nr. 11. Ich mag natürlich, wenn etwas Mystisches die Musik durchweht. Man könnte es „Seele“ nennen. Ich mag natürlich, wenn etwas Mystisches die Musik durchwebt. Man könnte es „Geist“ nennen.

Bei einem peruanischen Label ist Ende April(der Anlass dieses Textes) ein Album einer Band erschienen, für die er genauso komponiert und Bass spielt wie für die Band der Nr.1. Dieses Album wurde aber schon Ende 2016 aufgenommen. Also ist die erste Veröffentlichung seines eigenen Labels aktueller. Die Ende April erschienene Platte hat einige Längen, weil die Stücke oft nicht mit klaren Ideen beginnen, aber sie entwickeln sich immer mit einer hörbaren Konsequenz, und enden nie ohne eine wertvolle Idee. Auch wenn Jazz-Aficionados Meisterschaft der Komposition und der Instrumentenbeherrschung vermissen(ich teiweise auch), reicht das Können aus und die Musik ist mit Seele gefüllt und nicht nur mit Können nachgeahmt. Interessante Mismatches: ein Kampf zwischen Stelzengängern und Zwergen. Hier ist nicht viel im Gleichgewicht; ein Schauen nach rechts und nach links. Eine Bewegung kurz nach vorne und wieder zurück. Zu viele Orientierungspunkte in einem unsicheren Gelände. Der Querflötist dieser Band komponierte für die Band der Nr.11.

Schon die erste Veröffentlichung des Labels aus Buenos Aires gefällt mir. Ich mag das Zusammenspiel der Instrumente: 2 Bläser, elektrische Guitarre, Bass und Schlagzeug. Die Instrumente besitzen genügend Freiraum, um durch Reibungen ein Feuer zu entfachen. Feuer + Raum = Ton. Das Überraschende wird (fast) nie langweilig. Genug Suspense in (fast) jedem Moment. Ein Thriller für die Ohren. Wenn das Innere und das Äußere der Musik aneinanderschlagen, entstehen Funken.

Die dritte Veröffentlichung geht eher in die Richtung abgefahrene, experimentelle Rockgruppe. Nur fast ohne Rock. Die gleichnamige EP klingt wie japanisches Theater im lateinamerikanischen Kindergarten auf Einladung der Dschungelgeister. Wem das keinen Spaß macht, der darf nach Hause gehen. Wer so eine Cellistin hat, braucht keinen Paul Leary an der Guitarre mehr(?).HoHoHo. Langsamkeit frisst Schnelligkeit im Haifischbecken der Musikbösewichter.

Die vierzehnte Veröffentlichung stammt von einem Quietsch-antgarde-Duo . Die schlechteste Band des Labelgründers(wieder am Bass bzw. an den „Accessoires“). Wie unnötig! So schlecht wie der Bandname? Oder schlechter?

Quietschantgarde = Sex zwischen Instrumenten; beim Sex zwischen Säugetieren gelangt das Männliche an/in das Weibliche; beim Sex zwischen Instrumenten gelangen die Spermien/das Geräusch der Musik an/in das Gehirn des Hörers; das Gehirn als die große Eizelle?

Quietschantgarde brauche ich wie gesagt gar nicht. Das dabei jedoch manchmal viel Planung dabei ist (sein muss?), zeigt die Solo-Lp jener Cellistin. Inwieweit durchkomponiert? Teilweise etwas plump. Der Laut/Leise-Differenz könnte durchaus mehr Rechnung getragen werden. Kommt jedoch größtenteils an. Als Rock gegenlesbar. Die Strukturen sind nur komplizierter. Wenn der Mainstream zum hohen Wasserfall wird, wird es höchste Zeit, herauszukommen. Dauernder Alarm also, um sich jederzeit zu orientieren.

Einen Gegenpol zu dieser frechen bis experimentellen Szene stellt ein Album einer Sängerin, die den gleichen Nachnamen wie ein Philosoph aus dem Deutschland des letzten Jahrhunderts trägt, dar, das nicht Blues ist, eher aus einer geistlichen Tradition wie der Soul aus dem Gospel zu kommen scheint, aber als folkguitarrenorientierte weibliche Innerlichkeit dem Blues weit näher steht. Ich möchte es nicht Folklore nennen. Die Songwriterin prägt die Musik mit ihrer Atmosphäre. Als ich die Musik das erste Mal bei Youtube hörte und das Cover sah, dachte ich zuerst an eine obskure Veröffentlichung aus vielleicht dem Jahre 1976. Aber die Platte ist erst letztes Jahr erschienen. So erstaunlich wie die Entdeckung eines weiteren Indio-Stammes, der bisher noch keine Kontakte mit den Errungenschaften der modernen Zivilisation hatte. Musik, die die Haarnerven der Unterarme in Schwingungen versetzt bzw. infraschallknechtlemäßig Resonanzen mit den Schwingungen von Köperregionen herstellt. Diese Musik ist also ein Fall für sich. (Sorry. Mir ist es nicht geglückt, die Serie „Tassilo- ein Fall für sich“ als Zeitportal zu nutzen, um aus der Gegenwart

zu verschwinden und am Rande des Bodensees im Jahr 1990 (oder 1989) wieder zu erwachen. Was natürlich verhängnisvoll ist.)

Musik von absoluter indigener Reinheit; das wäre schön.

Die Musik im Innern (Gefahr des Einerlei: Musik für Tim und Struppi?) dieser Sängerin ist der Gegenpol zu dem Äußeren in der Musik(Gefahr des Vielerlei) der Veröffentlichungen jenes Labels.

Szenemäßg gibt es da wohl in Argentinien keine größeren Barrieren.

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Am 21. Juni erscheint das neue Album von „Jung an Tagen“(Solo-Projekt eines Österreichers). Das einzige bisher davon veröffentlichte Stück „Instructions for a Sound Machine“ macht nicht viel her. Sozusagen nichtssagend. Das letzte Album „Agent im Objekt“ fand ich interessant. Klare, wirbelnde, sich umkreisende Sounds, die scheinbar „allmäßig“(?) leben. Die Leben haben, um zu scheinen? Auch geeignet für Zeitreisen für alte Musiken. Einfach zusammenhören und irgendwo ansetzen! Dann kann man sogar „The Doors“ hören. Musik, zu der ich tanzen kann. Fantanzievoll! Haben wir bald eine Musik, zu der sich die bekannte verhält wie der Donnerbalken zum Spülkloo? Kultur eben. Toilettenpapier statt Vinyl?

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Weitere in diesem Monat entdeckte Bands:

Prissy Whip(Los Angeles). Erinnern mich an 1986, als ich die Happy Flowers wegen mangelnder Substanz links liegen ließ. Können sie an jedem Abend gleich gut sein? Wann prallt die Musik einfach ab und die Akteure befinden sich auf einmal nicht in ihrem eigenen Stück, sondern im Alltag? Also von mir aus kann die PARTY immer weitergehen. Obwohl ich die Leute natürlich nicht kenne. Musik als Orgie. Wie schön! Und wenn man sich am Tage begegnet, …. . Eine Schlange kann sich häuten, eine Band eigentlich keine Mitglieder ersetzen.

Afrirampo(Osaka). Japaner können in ihrer ganz eigenen Welt leben. Hermetisch abgeschlossen. Haben schon einmal mit Sonic Youth getourt. Afrirampo sind aber wild, Sonic Youth gebärden sich. Wieder die Frage: Party oder Alltag? Die Schlagzeugerin veröffentlichte als Pika auch eigenes Zeugs: z.B. „Ryu no sumika“(vorletztes Album von 2014). Verstecktes „Iron Man“(Black Sabbath) in einem Song. Warum sich an Regeln halten? Braucht Japan den Rest der Welt? Nur als Bezahler ihrer Produkte? Pika kennt Guided by Voices. Je abverlangbarer der Gehorsam in der Arbeitswelt, desto wilder die Party in der Freiheit/arbeitsfreien Welt?

Tenniscoats(Japan) – Paare brauchen keine Konzerte für die Party. Paarty (dann Faamilie?). Schon seit einigen Jahren nichts mehr veröffentlicht.

Die Zusammenarbeit von Santiago Bartolome und Gustavo Lorenzatti: „Musica de Sobrevivencia“.Sehr organisches Zusammenspiel. Diese beiden müssen sich keinen Gedanken über die Grenzen zwischen Rock und Jazz zu machen. Mitreißende Rhythmen entstehen von selber. Schlafwandlerische Überzeugung oder Entzeugung?Die Musik des Überlebens hat keine Wahl! Musik, die am Leben hält.(vielleicht etwas übertrieben)

POPNOTIZENJuli2019/1b

Norwegische Pianisten(II)

Ein anderer norwegischer Pianist ist Morten Qvenild. Er singt auch. Die semantische Ebene des Textes. Er sieht sich auch als Forscher. Wenn er an einem jener Punkte angekommen ist, verfährt er fast entgegensetzt. Kein Weitermachen, sondern ein Zurückspringen. Ein Weiter erst nach der Lösung des aufgetretenen Problems. Ein Vorspulen bis zum Punkt des „Weiters“. Sein Klavierspiel ist impulsiver, gerät leichter in einen Strom, wo alles automatisch abläuft. Auch mit Nähen zu Pop und Rock als breiten Straßen des erleichterten Vorwärtskommens.

Er ist beteiligt am Projekt „Goodbye Intuition“ der Norwegian Academy of Music, in dem es um das Improvisieren mit Maschinen geht. Sein vierseitiges Reflektionspapier mit dem Titel „Improvising with humans and improvising with machines“ kann man sich im Internet herunterladen. Nach kurzem Reinhören scheinen die Algorithmen jedoch nur weitere Zutaten zu seinem Hyper(sonalen) Piano zu liefern und keine neue kreative Dimension. Erweiterung und Beschränkung scheinen sich von selber ausregelnd die Waage zu halten. Qvenild fasziniert es u.a., dass die Maschine in der Improvisation keiner Moral unterworfen ist.

Ich habe selber einmal terzgeschichtete Musikakkorde aus 7 Tönen rein aus einer harmonietheoretischen Logik heraus hintereinander gefügt und es hat geklappt. Es klang gut. Ich rede nicht nur von Kadenzen, sondern war vom I Ging und der Logik von komplexen Ying- Yang- Beziehungen inspiriert. Das I Ging wandelte ich ab, behandelte jeden Akkord aber praktisch wie ein komplexes Zeichen mit einer spezifischen Bedeutung. Was nach der abstrakten Logik funktionieren musste, tat es tatsächlich auch in der Musik. Jede Moral ist also von einer Maschine spielbar. Für die Improvisation müsste sie sie aber auch verstehen. Innerlich. Unmöglich.

POPNOTIZENJuli2019/2a

Großes Britannien und die kleine Welt (I)

Carwyn Ellis & Rio 18 : Joia! (am 28.Juni 2019 erschienen)

Mir bisher auch völlig unbekannt. Tourte mit den blöden Pretenders. Ein rothaariger Waliser will sich unter dem Zuckerhut einen Sonnenbrand holen? Seine Stimme hat etwas kokett Leidenschaftsloses. Bossa Nova- Durchschnitt? Seine walisische Folkband Bendith war allerdings „noch“ langweiliger. Insofern geht die Logik der Anreicherung (Van Dyke Parks – mäßig?) schon auf. Was ist ein Waliser? Komisch? Kaleidoskomisch?

Carwyn Ellis beherrscht die lateinamerikanischen Stile wie ein Eingeborener bzw. hat entsprechende musikalische Unterstützung. Doch das Spröde bekommt er aus seiner Stimme nicht heraus. Musik, bei der man die Seele baumeln lassen kann. Ich möchte auch noch in den Pool springen, den ich nicht habe. Man könnte auch mit Kopfhörern auf durch die Straßen tanzen. Schwelgerisch Sonnenstrahlen auf der Nasenspitze balancierend.

Das Nichtechte stößt schon auf. Man kann Walisisch (Texte bei bandcamp) in den Google Übersetzer eingeben.

z.B. aus dem funkrockigen Song „Olion“:

„Gwynebau

Yn syllu arnai

O’r lluniau

O’m blaen“

Aha.

Klingt ein bisschen wie in einen Tümpel gefallenes Tschechisch. Kann das Austesten von Authentizität Spaß machen? Dann besitzt dieses Album dafür sicher ein paar Ansatzpunkte. Genügend Stilvielfalt ist vorhanden.

POPNOTIZENJuli2019/2b

Großes Britannien und die kleine Welt (II)

Mungo’s Hi Fi x Eva Lazarus – More Fyah(erscheint wohl am 16.8.2019)

Nun nach Schottland. Genauer: nach Glasgow. Die Stilvielfalt existiert hier nicht transzendierend, sondern immanierend. In den Manieren? Eine Coverversion von „Dub Be Good To Me“ wie zum Beweis als Einleitung. Schmeichelnd. Der Stimme von Eva Lazarus könnte etwas mehr Fülle (des Ausdrucks) nicht schaden. Aber schon passend: manchmal ist die Sängerin schwächer, manchmal der Rest.

Uplifting Mixturen. Dub und Dancehall – so muss man sich nicht entscheiden. Sounds mit innerer Dichte und Osmosegarantie. Gelungene Reduktionen im Fluss der Produktionen. Dub besaß für mich immer einen besonderen Reiz: Hall und Dehnungen. Akustische Zerrspiegel. Eine Form der Erfahrung, die auch die machen wollen, die keine Drogen nehmen. Auf der Reggae-Couch mitschwingen. OK bis KO.

Für die vorgesehene Besprechung von drei weiteren Alben fehlte mir die Zeit. Hole ich eventuell nächsten Monat nach.

POPNOTIZENAugust2019/1

Meine Interessen an Neuveröffentlichungen gravitierten in diesem Monat signifikant in Richtung experimentell Synth-Retro und Punk. Also auf der einen Seite die Freilegung von technischen Strukturen, der Griff ins Herz der Maschine und auf der anderen Seite die Hinwendung zur Mutter, die voraussetzungslose Ursprache des abhängigen Individuums, das die Familie verdammt und den Vater töten wird. (Hahaha).

Ich nutze diese Inspiration, um ein theoretisches Feld systematisch hier auszuführen. Den Kopf habe ich wohl woanders. Wenn die Anschlussfähigkeiten der Werke für mich ausgereicht hätten, würde ich sie mehr in den Mittelpunkt stellen. Also sehe ich sie mehr insgesamt, im Verhältnis zueinander.

Natürlich werde ich einige Sachen später noch erwähnen. Eigentlich waren die Guitarrenmusik-Veröffentlichungen in diesem Monat insgesamt überdurchschnittlich mitreißend.

Einer der Kernpunkte meiner Soziogenese-Theorie betrifft die Beziehung zwischen „-plexitäten“, vor allem erst einmal und grundlegend die Beziehung zwischen Komplexität, Simplexität und Perplexität. Die ethische Disjunktion von Komplexität und Simplexität ist der Hintergrund, vor dem Menschen leben, wenn alle logischen Fragen im Prinzip, durch die menschliche Evolution schon gelöst worden sind. Der Mensch ist also endlich mündig geworden und es gibt keine Entschuldigungen mehr für nicht gelöste soziale Probleme. Natürlich spielen u.a. Machtfragen weiterhin eine Rolle und wenn die Masse der Menschen verdummt, muss man die Lösungsmöglichkeiten in einer Demokratie realistisch beurteilen.

Die logische Konjunktion von Komplexität und Simplexität geht der ethischen Disjunktion von Komplexität und Simplexität voraus. Wenn sie ethisch disjungiert sind, muss eine Richtung bestimmt werden. Diese Richtung gibt es sowohl für die Reproduktion, die Differenzierung als auch für die Integration. Integration bedeutet in der Logik nur das natürliche Aufeinanderbezogensein von Reproduktion und Differenzierung, tritt jedoch in der Ethik als gleichwertiges Drittes neben Reproduktion und Differenzierung.

Die Bewegung geht jeweils immer von der Komplexität zur Simplexität mit dem Ergebnis der Perplexität, die wiederum (darum?) den Prozess von Neuem auf einer höheren (Lern-)Stufe verhaltenssteuernd in Gang setzt. Die Beziehung zwischen der Komplexität und der Simplexität

(eine Bewegung, ein Übergehen des Ersteren in das Letzere) kann als entgegengesetzt zu der Beziehung zwischen diesen beiden einerseits und der Perplexität andererseits (ein Abschluss) angesehen werden.

Ich habe schon einmal geschrieben, dass von meinem Popnotizen keine fertigen Logiken zu erwarten sind. Das gilt auch weiterhin. Ich habe mir das Folgende heute zwischen 8.00 Uhr und 10.00 Uhr vor dem Aufstehen noch einmal überlegt. Meine Popnotizen sollen nicht in einer Reihe mit meinen Theorien zur Soziogenese und mit der Ethik der Weltgesellschaft gesehen werden. Aber man kann sich das ganz logisch und nachvollziehbar (oder nicht?) überlegen.

Schon lange ist mir klar, dass diese Richtung nicht die einzige sein kann und nur für jeweils Reproduktion, Differenzierung und Integration für sich alleine gelten kann.

Es sind Interrelationen zwischen Reproduktion, Differenzierung und Integration zu betrachten.

Anfänglich zwischen jeweils zweien von ihnen und dann zwischen allen dreien zusammen.

Womit wir wieder bei der Musik wären: Musik gibt es nicht durch Reproduktion alleine, nicht durch Differenzierung und auch nicht durch dann hohle Integration alleine. Ebenfalls nicht durch die Beziehung des Mannes zu Gott alleine und auch nicht durch die Beziehung des Weibes zu Gott

POPNOTIZENAugust2019/2

alleine, sondern nur u.a. durch die zusammenhängende dreifache Beziehung von Mann, Weib und Gott zueinander. Hiernach kann man auch obige „Polarität“ ordnen (wie gesagt zwischen ca. 8.00 Uhr und 10.00 Uhr).

Eines ist klar: obige Richtung „Komplexität→Simplexität | Perplexität“ bleibt jenen sozialen Grundoperationsweisen vorbehalten. Die verbleibenden interrelationalen Richtungen sind also „zurück“ oder „bleibend“.

(zwischen 8.00 Uhr und 10.00. Uhr überlegt:)

Betrachten wir zuerst die Interrelation zwischen zwei sozialen Grundoperationsweisen:

a. zwischen den in der Logik aufeinanderbezogenen Operationsweisen Reproduktion und Differenzierung können die Richtungen nur bleibend sein; also gibt es hier nur die Richtungen Komplexität der Reproduktion ↔ Komplexität der Differenzierung, Simplexität der Reproduktion ↔ Simplexität der Differenzierung, Perplexität der Reproduktion ↔ Perplexität der Differenzierung.

b. Zwischen der Differenzierung und der Integration ist die Richtung ein „Schritt“ zurück:

Perplexität der Differenzierung -> Simplexität der Integration, Simplexität der Differenzierung -> Komplexität der Integration, Komplexität der Differenzierung -> Perplexität der Integration.

c. Zwischen der Reproduktion und der Integration ist die Richtung „zwei Schritte zurück“:

Perplexität der Reproduktion -> Komplexität der Integration, Simplexität der Reproduktion -> Perplexität der Integration, Komplexität der Reproduktion -> Simplexität der Integration.

Weiterführend nun die Beziehungen zwischen allen dreien Operationsweisen(die Chaos/Kosmos-Charakterisierungen quasi sozio-ontologisch):

I. Integration→ Reproduktion→ Differenzierung (gleichbleibend)

1. Komplexität der Integration ↔ Komplexität der Reproduktion ↔ Komplexität der Differenzierung,

2. Simplexität der Integration ↔ Simplexität der Reproduktion ↔ Simplexität der Differenzierung,

3. Perplexität der Integration ↔ Perplexität der Reproduktion ↔ Perplexität der Differenzierung.

II. Differenzierung →Integration → Reproduktion(ein Schritt zurück)

1. Komplexität der Differenzierung → Perplexität der Integration → Simplexität der Reproduktion,

2. Simplexität der Differenzierung → Komplexität der Integration → Perplexität der Reproduktion,

3. Perplexität der Differenzierung → Simplexität der Integration → Komplexität der Reproduktion.

POPNOTIZENAugust2019/3

III. Reproduktion →Differenzierung → Integration (zwei Schritte zurück)

1. Komplexität der Reproduktion → Simplexität der Differenzierung→ Perplexität der Integration,

2. Simplexität der Reproduktion → Perplexität der Differenzierung →Komplexität der Integration,

3. Perplexität der Reproduktion → Komplexität der Differenzierung → Simplexität der Integration.

Bezogen auf die Nummern dieser Klassifikation:

I.

1. Komplexität: Pop (Kosmos schafft Chaos)

2. Simplexität:Wave (Kosmos bindet Chaos)

3. Perplexität: Synth(v.a. experimentell)(Kosmos enthält Chaos)

II.

1. Komplexität: Rock

2. Simplexität: No Wave/No Punk und Ähnliches

3. Perplexität: Drone, etc.

III.

1. Komplexität: Metal(Chaos schafft Kosmos)

2. Simplexität: Punk(Chaos bindet Kosmos)

3. Perplexität: Hardcore(Chaos enthält Kosmos).

(wer hier Fehler findet (habe ich zumindest nicht absichtlich hineingeschmuggelt), darf ein Erfolgserlebnis für sich verbuchen)

Hier nun einige Veröffentlichungen dieses Monats, die mich angeregt haben:

Viele werden sich wohl freuen, dass TOOL sich noch einmal aufgerafft und ein Album veröffentlicht haben. „Fear Inoculum“ ist schon ein bisschen lahmer als die restlichen Alben. TOOL sind sicherlich eine außergewöhnliche Band. Für mich aber keine Band ersten Ranges, sondern eine des zweiten Ranges, die zusätzlich zum Geschehen „auf der Bühne“ auch das Geschehen im ersten Rang beobachtet. Konvulsionen in Konserven. Für mich besitzen ihre Musik und ihre Texte zuviel Beliebigkeit und Hineininterpretierbarkeit. Werkzeug wofür? Das lassen sie m.E. absichtlich offen. Die Teilnahmslosigkeit eines Frontmannes. Noch nie so gesehen wie bei Maynard James Keenan. Dahinter kann eine (wie interessante?) philosophische Grundhaltung stecken.

Auf Dischord gab es zwei Veröffentlichungen, die sich nicht den Trends der Zeit ergeben. Die aufwühlende Musik der Hammered Hulls auf ihrer gleichnamigen Single knüpft solide an alten Traditionen an. Alec MacKaye von The Faith(lange her!) singt. Solange die Motivation noch da ist. Warum nicht?

Ein paar Fragen: Gibt es eine Emo-Frage, Fortschritt? Wenn es das Ziel war, sich selbst zu finden und man eine Karte erstellt hat, die das ohne große Schwierigkeiten immer wieder wiederholbar macht, welchen Freiraum lässt das noch für weitere Entwicklungen? Es gab nach Embrace Fugazi. Für mich jedoch keine Weiterentwicklung. Keine höhere Stufe des musikalischen Ausdrucks. Es

POPNOTIZENAugust2019/4

gab u.a. bei Embrace verschiedene Ströme, die durch die Musik zusammengehalten worden sind. Warum sie nicht in maximalen Winkelabständen ausbrechen lassen?

Zwei frühere Mitglieder von Fugazi spielen bei den Messthetics. Von ihnen bekommen wir eine ganze LP („Anthropocosmic Nest“), aber keinen Gesang. Man könnte gute Instrumentalalben noch dadurch besser machen, dass man seine eigene Gesangsspur dazufügt. Die oftmals hymnische Guitarrenarbeit von Anthony Pirog steht dem etwas entgegen. Das Hymnische passt eigentlich nicht so gut zu Dischord. Auch nicht das Space-Hymnische. Können ihn die Fugazis nicht genügend im Zaum halten? Außerdem klassische Jazz-Anklänge. Der Flow dieser Musik ist zwar durchaus greifbar, aber es fehlt ihr an auralem Survivaltraining. Der nächsten Fallgrube entrinnen sie nur mit viel Glück.

Und nun wieder ein Synth-“Outing“(was für ein Begriff!). Ich will ja die andere Musik. Und das Cinematographische besitzt oft eine verstärkende Anziehungskraft. Also blieb ich diesmal bei den PHONO GHOSTS von Neil Scrivin hängen. Z.B. bei dem Song „The Gate of the Glittering Gene“.

Bei Bandcamp ist nur noch ein weiterer Song von der neuen LP „Warm Pad, Sharp Stab“ zu hören, der mir nicht so gut gefällt. Auch für mich war es eine Sache der auralen Zurechnungsfähigkeit, dass Keyboards im Zusammenhang von Punk und vor allem im Zusammenhang von Hardcore die Reinheit des Ausdrucks nicht sabotieren dürfen. Warum aber der künstlichen Klangerzeugung nicht ein eigenes Reich bauen? Es ist klar, dass sie einen Schwanz von künstlerischen Folgeproblemen hinter sich herzieht. Aber warum aus der Not keine Tugend machen? In den Maschinen herrscht die Hölle. Alles ist unnatürlich. Maschinen haben keine Seele. Aber ihre Verwendung besitzt immer einen Kontext. Ihre Herstellung bezog sich oft auf einen unklaren Bedarf in einem historisch einmaligen Kontext der Produktionsbedingungen. Eine Guitarre ist eine Guitarre. Auch ein Klavier ist ein Klavier. Aber eine Maschine ist auch eine BlackBox. Es kommt immer mehr heraus als man hineinsteckt. Man muss etwas einkalkulieren, was die eigene Kontrolle einschränkt. Das ist alles kein Weg für mich (als Künstler???). Aber ich hege ein Interesse an den Ergebnissen von Künstlern, die in diesem Bereich arbeiten.

Es haben mich auch noch einige andere Sachen interessiert. Aber letztlich erscheint es mir nicht als so wichtig, dass ich gerade heute etwas darüber schreibe. Vielleicht in knapp einem Monat. Ein bisschen aufheben. Eichhörnchen-Devise für kürzer werdende Sonnenlicht-Tageszeiten.

POPNOTIZENSeptember2019/1

Nachtrag zum poptheoretischen Anteil der letzten POPNOTIZEN

Ich hatte in den letzten POPNOTIZEN behauptet:

„Eines ist klar : obige Richtung „Komplexität → Simplexität | Perplexität“ bleibt jenen Grundoperationsweisen vorbehalten. Die verbleibenden interrelationalen Richtungen sind also `zurück´ und `bleibend´.“

Als ob also die Vorwärtsrichtung von jeder Grundoperationsweise lasermäßig für sich monopolisiert werden könnte und keine Interrelationen vorwärts möglich wären.

Es wäre aber dann doch etwas komisch, wenn sie nicht vorwärts möglich wären. Das Prinzip der Vollständigkeit würde dagegen sprechen. Und da ich keine Argumente für obige Behauptung habe, kann ein Ausprobieren vielleicht Klarheit schaffen. Und wenn man so zu Ergebnissen kommt (neue Erklärungsbereiche mit erschließend), kann obige Behauptung nicht gehalten werden. Sie war jedoch theorietechnisch provisorisch von Vorteil, da ich einen Bereich quasi mit einer 3×3-Tabellen-Herangehensweise abgrenzend erschließen konnte. Man spricht ja nicht als Baby schon Mathematik. Sondern lernt relativ spät als Kind durch Veranschaulichungen(2 Äpfel zu drei Äpfeln gestellt …). Obige Behauptung bleibt jedoch falsch und ist in einer wissenschaftlichen Arbeit eine leichte Beute für neidische Wissenschaftskollegen.

Eine kleine Brücke hatte ich mir aber offengehalten: unter Punkt I. Integration → Reproduktion → Differenzierung verwendete ich bei den Unterpunkten ein „Pfeil in beide Richtungen“-Symbol. Diese Symbole können nun durch die Pfeile des Oberpunkts ersetzt werden. Die andere Richtung gehört zu einem anderen Erklärungsbereich. Jene Unentschiedenheit kann durch Entschiedenheit ersetzt werden.

Es ist aber schon etwas kompliziert. Deshalb werde ich das entsprechende Pendant zu der Poptheorie vom letzten Mal noch nicht vorstellen. Es ist aber auf jeden Fall wieder mit einer 3×3-Tabelle lösbar. Sie muss das Gegenteil von Musik zum Gegenstand haben. Musik besteht aus Schwingungen, die symbolische Ausdrücke dramatisch verketten oder auch dramatische Eindrücke symbolisch verketten. Sie nutzt zwar Naturgesetze. Aber der Geist wird ihnen so enthoben. Also nehme ich als entgegengesetztes Feld die Physik an. Nicht die Physik als Wissenschaft, sondern das konkrete Wirken von Kräften in Interaktion mit der menschlichen Erfahrung: ein Apfel fällt zu Boden. Experimentell immer wieder. Wenn ein Gletscher wegbricht oder ein Fels herabstürzt, hinterlässt das einen anderen Eindruck, als wenn nur ein Apfel vom Baum fällt. Ein herabstürzender Felsen flößt mehr Respekt ein, obwohl er nicht ein Produkt natürlichen Lebens ist. Etc., etc. . Am nächsten dran an diesen Erfahrungen und ihrer Nutzbarmachung in der Musik waren vielleicht die späten Wolfhounds(„Blown Away“(1989), „Attitude“(1990)). Zwischen dieser „Physik“ und der Musik könnten dann zwei aufeinander bezogene Schemata des Tanzes, also menschlicher Eigenbewegungen liegen, da zwar alle Popgenres jener Poptheorie auch ohne Tanzen genossen werden können, aber auch dazu getanzt, etc. werden kann und beim Tanzen spielen Kräfte auf den Körper bzw. von ihm ausgehende Kräfte schon eine bestimmende Rolle.

So weit dazu in diesen POPNOTIZEN.

Es ist schon jetzt 12:02 Uhr am 2.10.2019 und noch auf keine Bands festgelegt …

Erledigungen, um ca. 16.30 Uhr weiter …

Dieses Mal die folgenden POPNOTIZEN nicht so ernst nehmen! Ich habe sie ja angefangen, um eine Schnellstauswahl zu vermeiden. Das ist dieses Mal nicht möglich. Eher als Auswahl eines überbeschäftigten Radiomoderators zu verstehen, der Neuerscheinungen präsentiert und sie sich nicht aus seinen Rippen schnitzen kann. Was von ihrer momentanen Größe in der zeitlichen Entfernung übrigbleiben wird, wird sich zeigen. Mein Lieblingsmotto im Bereich der popkritischen Vernunft ist ja: „Only Time will Tell“!

POPNOTIZENSeptember2019/2

16.22 Uhr

Norma Jean haben ein neues Album herausgebracht: „All Hail“. Ich habe sie in der ersten 2000er Hälfte in einem Braunschweiger Jugendclub live gesehen. Ich war in den 2000ern kein regelmäßiger Konzertgänger. In der zweiten 2000er Hälfte nur ganz selten. Ich kann mich überhaupt nur an zwei gute Konzerte aus dieser Zeit gut erinnern. Eben an Norma Jean und an Silver aus Norwegen. Beide in diesem Jugendclub gesehen. Mein Interesse an diesen Bands blieb aber weitgehend auf diese Konzertereignisse beschränkt. Natürlich wusste ich, dass der Bezug des Namens Norma Jean Marilyn Monroe ist und dass es sich um eine christlich geprägte Band handelt, aber ich wollte schon diesem scheinbaren Widerspruch nicht auf den Grund gehen. Um das Konzert in guter Erinnerung zu behalten? Wie man in einem aktuellen Live-Video sehen kann, tragen heute alle Bandmitglieder Bärte, entweder Voll- oder Schnauzbart. Die Musik geht immer noch nach vorne. Aber sie überzeugt mich nicht genug. Ich würde sie mir nicht live ansehen. „Melodisch“ viel zu unattraktiv und der Sänger bietet nur Geschrei-Einerlei. Um ehrlich zu sein. Das Konzert bleibt mir aber auf jeden Fall in guter Erinnerung.

16.39 Pause(was gibt es noch?)

16.42

Arp Frique. Etwas Carwyn Ellis-mäßiges über den kulturellen Tellerrand-Schauendes. Ein Weißer(mit bürgerlichem Namen Niels Nieuborg), sonst fast nur Schwarze. Eher funkige Musik für die Show mit ein paar Jazz-Spritzern und weniger tiefgefühlte Kulturbegegnung als bei Carwyn Ellis, aber: man hört den Dschungel rufen. Kann ich mir gut anhören. Aber klar für den (u.a. Tanz-)Effekt produziert. Das Ausleben von (Musik-)Neigungen ist hier das Ziel. Sozusagen fehlt es dieser Musik etwas an (nötiger?) Reichweite in das Innere der Empfindung. Die Herangehensweise bei Carwyn Ellis ist Sixties-orientiert, bei Arp Frique(Afrika à la Dada?) eher Seventies-Cultureclash-orientiert. Nieuborg bringt diesen Monat auf seinem Label Colorful WORLD Records einen Sampler mit kapverdischer Musik heraus: „Radio Verde“.

Ich kenne von Youtube nur einen für mich uninteressanten Track.

16.56 Uhr(Pause)

17.25 Uhr(was gibt es noch?)

Ryan Teague – „Recursive Iterations“

Seine Musik besitzt einen melodiösen Grundkosmos. Auch erst „gerade“ entdeckt. Die dritte rekursive Iteration (kenne nur diesen Track des Albums) besitzt eine ausgewählte Sperrigkeit. Setzt immer wieder neu an. Um was geht es? Immer wieder grüßt das Murmeltier? Tagesabläufe für z.B. Büromenschen ähneln sich. Unterscheiden sich manchmal nur in Kleinigkeiten. Der Raum, den ein Knall zurücklässt, ist aber einzigartig. Warum sich ihm nicht widmen? Eine Hymne an die brachliegenden Kreativitäten von u.a. Büromenschen? Vielleicht nicht das ideale Album für den Einstieg in das Werk dieses Künstlers. Wohl kein Live-Künstler, kein frivoler Lünstler. Sondern eher ein Büro-Künstler, ein idiosynkratisch in sich hineinhörender Bü(r)nstler? Auch das Cover ist interessant: das Zyklische aus hell-dunkel-gespiegelten, scharf aneinander ansetzenden Hälften zusammengesetzt.

17.57(was gibt es noch?)

POPNOTIZENSeptember2019/3

18.15 Uhr

Eine 10“ von Studio Electrophonique: „Buxton Palace Hotel“. Dieses Hotel befindet sich in einem beeindruckenden viktorianischen Gebäude. So viele Zimmer! In so viele Herzen strömt die Liebe – durch die Ohren. Die Herangehensweise ist bekannt und die Durchführung nicht einzigartig. Aber für Romantiker zählt ausschließlich die Emotion. Und jede andere Komplikation als die des Herzens ist eine Ungerechtigkeit angesichts der Einzigartigkeit jedes Moments.

Vorbeischlurfende Musik mit Outfits für jedes Temperament!

18.29 Uhr(Schluss fur heute)

3.10.2019 11.50Uhr

New Model Army haben ein neues Album herausgebracht: „From here“. New Model Army-Fans habe ich immer ein bisschen verachtet. Aus einer Art Avantgarde-Arroganz heraus. Der Text ihres Songs „End of Days“ ist mir wieder viel zu abstrakt und beschreibt trotzdem ziemlich genau mein Verhältnis zu ihnen. Beginnt jetzt das Leiden? Oder begann es nicht schon viel New Model Army-früher? Der Musik fehlt es (wie immer?) an innerer Spannung. Und ohne diese auch keine äußere Auflösung!

12.02 Uhr(Pause)

12.43 Uhr

Simon Joyner – Pocket Moon

Der Song „Tongue of the Child“ besitzt genug Sentiment, um die Geschichte zu Ende zu hören. Bei Youtube wurden schon zwei Künstler als Referenzen genannt, die mir auch einfallen: Townes van Zandt für das melancholische Country-Feeling und Leonard Cohen für den dramatös-belehrenden Ton. Die Belehrung hat bei Joyner nicht so einen toxisch-zweifelhaften Charakter wie bei Cohen. Der Song sagt viel über sich selber aus. Text statt Punkt. Kritikern wird im Vorhinein jedes überflüssige Wort verziehen.

13.01 Uhr (Pause)

13.15 Uhr

XT – Palina’tufa

Improvisierte Musik ist oft der gleiche beliebige Scheiß. Meine Neugier will aber jeden Schmetterlingsschlag(Palina) eines Moments befriedigt werden. Die Struktur von Tuff(Tufa) als porösem vulkanischen Eruptivgestein mit verschiedenen Korngrößen zeugt von der Art ihrer Entstehung. Überreste einer irdischen Samenflüssigkeit. Pyroklastisches ist vom Feuer Zerbrochenes. Ein Ikonoklast ist ein (Ab-)Bildzerbrecher. Wäre dann ein moderner Pyroklast ein Feuerzerbrecher? Ein Erdhineinstürzer? Ein Schichtenfresser? Ein Kerndurchdringer? Palina’tufa?Die Musik von XT langweilt mich nicht. Sie liefert der Fantasie genug Kristallisationskeime.

(13.38 Uhr Ende)

POPNOTIZENOktober2019/1

1.) Neil Young ist ein regelmäßiger Musikschreiber und Plattenveröffentlicher. Ohne Unterbrechungen. Es gehört zu seinem Leben. Sein 2019er-Album heißt „Colorado“. Einfallslosigkeit werfe ich ihm auch dieses Mal nicht vor. Diesem 73-Jährigen. Kann ein Epochenkünstler jemals etwas Irrelevantes veröffentlichen? Auch wenn seine Epoche(die 70er) schon längst Geschichte ist? „Colorado“ ist wieder eine Platte mit Crazy Horse. Ich hatte ja AC/DC und CrazyHorse(Neil Young) als die „wichtigen“ Bands der 70er bezeichnet und behauptet, dass die wichtigen Bands aus diesem Jahrzehnt „uneigentliche“ Bands sind. Hinter Crazy Horse steckt Neil Young und AC/DC sind eine australische Band, deren Musik von einem Brüderpaar und Bon Scott, ausschließlich Schotten stammt. „Eigentliche“ Bands besitzen eine zumindest minimal-heterogene Zusammensetzung der Kreativen. Ich bleibe dabei.

Ich mag Colorado. Viele finden die Platte ja langweilig. Ich kenne schlechtere von Neil Young.

Wer Künstler als „Role-Models“ für ein erfolgreiches Leben sucht, der könnte Neil Young ablehnen. Er hat drei nicht vollkommen gesunde Kinder gezeugt. Bei seinen zwei Söhnen (von verschiedenen Frauen) wurde infantile Zerebralparese diagnostiziert. Der jüngere ist sogar schwerstbehindert. Das jüngste Kind, eine Tochter, leidet an Epilepsie.

Wenn ich eine Platte höre, höre ich eine Platte. Das konsumiert mich völlig. Die Lebensgeschichte eines Sängers/Musikers ist der Raum, in dem sich die Musik aufhält, aber nicht die Musik selber.

Nun kann es solche Fälle aufgrund von seit Generationen weitergegebenen Erbkrankheiten oder aufgrund von aktuellen Umwelteinflüssen geben. Wir kennen die Fotos von den riesigen Lautsprecheranlagen, mit deren Unterstützung Neil Young seine Konzerte gab (und gibt). Hatte er seine Familie dabei? Sind starke elektomagnetische Kräfte ein Riskofaktor für die Entstehung von infantiler Zerebralparese? Manche Menschen reagieren zudem noch empfindlicher auf bestimmte Umwelteinflüsse. Manche Künstler brauchen Gefahr zu ihrer Inspiration. Die 70er Jahre waren so ein Jahrzehnt, in dem Verzerrung und Elektrizität bewusster als kreatives Element eingesetzt worden sind als vorher. Neil Young befand sich also nicht nur an einer künstlerischen, sondern auch einer zivilisatorischen Front. Und das zeigt sich auch auf seiner neuen Platte, auf der das ökologische Thema ziemlich dominant ist. Es gibt einige interessante Unterschiede zu der paganen Behandlungsweise dieses Themas bei z.B. New Model Army. Justin Sullivan und Neil Young sind prominente Umweltaktivisten, aber New Model Army nehmen sich entweder größere semantische Freiheiten oder sie warten auf die reinigende Katastrophe. Auf den Untergang vor dem Untergang? Auf „Colorado“ gibt es den Song „Shut it down“. Damit befindet sich Neil Young näher an der Alltagswirklichkeit und somit auch näher an der Veränderung (und nicht in paganer Feuerlaune). Und wenn Neil Young das ganze System herunterfährt, kann er seine Lautsprecher auch nicht mehr mit Elektrizität füttern.

Die Menschen sollten sich bewusst machen, was sie wären oder sind ohne alle ihre Apparate. Erst dann können sie wissen, was sie wirklich brauchen und was ihre Existenz nur aufbläst, sie in eine Blase einhüllt, die, wenn sie zerplatzt, auch sie zerreißen würde. Für manche kann das Herunterfahren sogar von existentieller Notwendigkeit sein.

Seine Musik mit Crazy Horse war und bleibt für mich immer elektrisch-elliptisch. Sozusagen eliptrisch. Und epigenetisch. Als ich der Musik von Neil Young begegnete, vermisste ich etwas an ihr. Nach dem Lesen einer LP-Kritik in einer Hifi-Zeitschrift kaufte ich mir die „Reactor“. Sie gefiel mir, aber nicht ganz. Ich suchte nach den „Die Kreuzen“ und fand nur „Shots“. Als ich „Die Kreuzen“ gefunden hatte, behielt diese elektrisch-elliptische Musik von Neil Young aber ihre Relevanz. Ich kaufte mir weitere Neil Young-Alben und bis heute gefällt mir „Zuma“ am besten. Die Musik und Attitüde von Neil Youngs Crazy Horse haben für mich auch etwas Prä-Meat Puppets-Haftes,deren Musik schon seit meiner Begegnung mit Neil Young in der Luft lag(es gab sie zu der Zeit schon).Aber auch nachdem ich die Musik der Meat Puppets gefunden hatte, behielt die

POPNOTIZENOktober2019/2

Musik von Neil Young ihre Relevanz. Aber in meiner Rezeption seiner Musik klingen diese Konnotationen an: es fehlt das „Die Kreuzen“-hafte, das Alpha und das Omega, das Absolute mit einem Anfang und einem Ende, und am Horizont zeichnet sich etwas ab, was am perfektesten wohl die Meat Puppets verkörperten.(gerade verschrieben: „Meta Puppets“)

Ich sollte vielleicht noch mehr auf die einzelnen Stücke eingehen, aber diese Popnotizen werden eh zu lang.

2.) Schon seit ich in Kontakt mit Punkmusik kam, hat mich das Rohe und Ungeschliffene fasziniert. Also ehrlich gesagt: nicht von ganz Anfang an. Die Bad Brains hörte ich schon 1983 und da hatten sie ihren Stil schon ziemlich perfektioniert. Also zwei Jahre der Popmusikabstinenz danach. Finnischer, japanischer und italienischer Hardcore lieferten u.a. diese roh belassenen, zivilisationsclashenden Materialsorten, mit denen mein auditives System mentale Bande knüpfte. Vielleicht kennen das auch Andere, aber es gibt Zeiten, da kann man sich nicht so richtig konzentrieren, weil die Impulse so antriebsstark sind, da ist man dankbar für härtere und vor allem extra roh belassene Musik. Das ungezähmte Innere erschuf in jenen Hardcoreformen seine eigenen Kulturen.

Zugegeben: politisch kann es zwischen meinen Auffassungen und denen von Punks, deren Musik ich hören kann, doch zu argen Reibereien kommen. Es gibt aber eine Schnittmenge: kein Ausverkauf, der Überlebenswunsch und eben der nicht zähmbare (Überlebens-)Impuls. Klar, ich bin schon älter. Aber tot bin ich auch noch nicht. Und die Impulse können auch wieder geweckt werden, nachdem sie verschüttet worden waren.

Na jedenfalls kann mir das auch egal sein. Ich muss die Menschen ja nicht treffen. Und wenn ich sie und ihr teilweise lächerliches Konzertpublikum auf youtube sehe, lenkt das Sehen mich doch eher ab und mir kommt es doch eher auf die Funktion der Musik an.

Ich selber brauche auch nicht mehr auf Livekonzerte gehen. So wie früher wird es halt nicht mehr.

Und das frühere Auf-Konzerte-Gehen – so spannend (und ekstatisch) es auch teilweise war- kann man auch kritisch sehen. Viele haben diesen nahen Kontakt zu Punkszenen gemieden und haben nur die Musik gehört, ihre Präferenzen und Einstellungen als ihre Privatsache behandelt. Auch ich konnte mit der ausschließlichen Punkszenenfixierung schon nach einem Jahr nichts mehr anfangen.

Wieso ich das jetzt schreibe: es gibt noch aktuelle Hardcoremusik, die ich mir anhören kann.

Es gibt auch nicht nur im Fußball das Christian-Streich-Phänomen: laut anklagen und dann doch nur deutsche Spieler aufstellen(vielleicht kann er ja auch kein Englisch). Ich bin jedenfalls auch kein striker Ausländer-Hasser, sondern ich hasse bestimmte Ausländer wegen bestimmten Verhaltensweisen. Und auf die territoriale Selbstbestimmung des deutschen Volkes lege ich absolut Wert. Verrat wird hier schnell sichtbar und er hat Folgen.

Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, ich wäre ein Kenner der aktuellen Punkszenen. Aber ich habe mir die Neuerscheinungen angehört und da ist mir z.B. das Label LA VIDA ES UN MUS DISCOS aus London aufgefallen. Die Region Katalonien gehört ja zur Zeit zu den sozialen Brennpunkten Europas. Die Band Irreal kommt aus Barcelona und macht unverfälschten Hardcore wie aus der Mitte der 80er. Der Sänger hat auf seiner Lederjacke den Schriftzug der finnischen Hardcore-Band KAAOS stehen. Hier ein katalanischer Textauszug mit Übersetzung, der allgemein genug (und prägnant) gehalten ist, dass ich mich damit identifizieren könnte(Song „Irreal“ von der Band „Irreal“ von einem 2018er-Demo):

la traïció, la decepció
un punyal clavat al meu cor
i cada cop mes decebut
el meu voltant es torna irreal

POPNOTIZENOktober2019/3

der Verrat, die Enttäuschung
ein Dolch in mein Herz getrieben
und jedes Mal mehr enttäuscht
meine Umgebung wird unwirklich

(so ungefähr oder?)

ein Existenzialismus, den nicht nur Intellektuelle verstehen, sondern der ein Verstehenwollen evoziert; das Wichtigste: ich nehme ihnen (fürs Erste) den Text ab; nicht nur „Rechte“ sprechen also von Verrat; man sollte aber nicht nur die Probleme herausschreien, sondern auch noch Lösungen suchen und Argumente mit Argumenten beantworten können; das müssen auch schon sehr junge erwachsene Menschen können; aber ich sehe natürlich die Probleme (zwischen z.B. mir und ihnen: durch z.B. niedrige Frustrationstoleranz, etc. ); aber bezogen auf mich sind das Probleme von gestern; man steigt nicht zwei Mal in denselben Fluss; wer keine Argumente hat, der kann halt niemanden überzeugen; und warten kann ich so wenig wie die Probleme warten können. Ihre nur 9 Songs enthaltende neue Platte „Fi del mon“ erschien im September. Die Beschreibung der Labelmacher bei bandcamp zu dieser Musik finde ich ziemlich passend, wenn auch etwas zu kulinarisch gehalten. Ich mag Musik, die mich mit Schocks versorgt. Nicht nur und ausschließlich, aber z.B. gerade jetzt.

Nur wegen Irreal würde mich das Label La Vida Es Un Mus Discos nicht so interessieren. Es hat eine starke internationale Ausrichtung. Es gibt dort allerdings auch nicht wenige Sachen, die ich schrecklich finde. Ich bin also gespalten.

Auch eine Band aus Madrid, also Kastilien veröffentlicht auf dem Label: Rata Negra. Hören sich auch positiv an. Ein Labelmacher könnte Spanier sein. Verstehen sich – in diesen Zeiten der katalanischen Separationsbestrebungen – Irreal und die schwarze Ratte? Ich liebe die Vielfalt. Als Punk braucht man einen Platz, einen Ort, wo man starten kann. Auf der bandcamp-Seite dieses Labels kann man sich so einige Sachen anhören und hören, ob man Gefallen findet und dann weiter erkunden, inwiefern es Übereinstimmungen gibt oder nicht. Mitgelieferte Texte sind natürlich dafür oft hilfreich.

3.) Ein anderes Beispiel und ich möchte jetzt auch nicht zu viel Negatives oder Neutrales über jemanden schreiben, dessen Musik und Texte zu meinen Lehrmeistern gehören(weil ich nicht viel anderes Lehrhaftes in der populären Musik kenne/kannte?). Der Mensch hat Geschichte gelehrt(leider auch für Microsoft gearbeitet) und fühlt sich der Aufklärung verpflichtet. Ich spreche von dem Sänger der Articles of Faith Vic Bondi. Ich habe schon einmal über ihn geschrieben und auch jedes weiter hinzugekommene neue Material konnte meine Meinung nicht revidieren: bis zur zweiten Alloy-LP konnte ich eine künstlerische Weiterentwicklung feststellen. Danach nicht mehr. Auch inhaltlich hat mich nichts danach interessiert. Auf Alternative Tentacles erscheinen die Platten seiner Band Dead Ending. Tja, auch der Bandname bestätigt mich. Sein Geschrei-Gesang ist so ähnlich wie früher, doch wem der Inhalt etwas bedeutet hat, bemerkt den Unterschied. Natürlich kann Vic Bondi so lange weitermachen wie er will. Aber hier nur ein Absatz eines Liedtextes(siehe bandcamp):

„Unpresidented“ (veröffentlicht im Dezember letzten Jahres; eine Martha Brockenbrough hat wohl ein gleichnamiges Buch geschrieben, was ich nicht kenne; hierfür nicht entscheidend; wohl ein Wortspiel durch Abwandlung von „unprecedented“); es geht natürlich um Trump:

„Absolutely / The worst mistake / The wrong solution / At the wrong time / In the wrong place“

POPNOTIZENOktober2019/4

Ich kritisiere Trump auch: wegen seiner Waffenlieferungen an Saudi-Arabien, wegen mangelnder Sensibilität bezüglich Umweltverschmutzungen, wegen eines plutokratischen Abdriftens der Demokratie. Aber kann ich sagen, dass er „der größte Fehler“ ist. Die Alternative der US-Wähler war 2016 Hillary Clinton! Ich besitze nicht die Weisheit, das zu behaupten, wovon Vic Bondi anscheinend so felsenfest überzeugt ist. Ehrlich gesagt halte ich ihn auch z.B. wegen so eines Textes für einen Dummkopf oder zumindest für einen schlechten, gedankenlosen Liedtextschreiber. Ich kann allerdings nicht sagen, dass ich die Antriebe von Vic Bondi vollkommen verstehe. Meine Urteile basieren also eher auf einzelnen Artefakten als auf einer (genauen) Kenntnis der Person. Ich habe Alloy in Peine live gesehen und es war echt klasse. Ich glaube aber sagen zu können, dass Konkurrenz einer seiner stärksten Antriebe ist. Von seinem Vater, einem Navy-Captain hat er wohl einen ausgeprägten Sinn für Disziplin vermittelt bekommen. Die Band-Konkurrenz zwischen den Articles of Faith und den Effigies in Chicago ist bekannt. Wie ich überhaupt glaube, das ihn das Chicago der 80er-Jahre stark geprägt hat. Ich kenne das Hardcore-80er-Chicago nur von einzelnen Platten und glaube mir deshalb kein Urteil anmaßen zu können. Für von Konkurrenz getriebene Persönlichkeiten scheint der Effekt jedoch oft wichtiger zu sein als der Inhalt. Als ob es die Hauptsache wäre, dass er die Texte noch mit gleicher Energie herausschreien kann. Aber auf so ein rechtes Schwein wie mich würde er eh nicht hören.

Viele Musiker/Komponisten bemühen sich sehr. Aber sie besitzen harmonische Limitationen. Vic Bondi und Ryan Teague scheinen mir hierfür Beispiele zu sein. Sie können eine Erkenntnisgrenze bezüglich harmonischer Entwicklungen nicht überschreiten. Ich könnte ihnen helfen. Durch meinen Achsenkreis war die Lösung eine einfache Sache. Es braucht nur ein paar Buchstaben und ein paar Zeilen, oder ein Bild. Aber dann würden sie ja nach meiner Pfeife tanzen, einem fremden(?) Schema folgen und der Weg zur Erkenntnis ist doch so schön. Ryan Teague ist noch jünger und Vic Bondi hat wahrscheinlich eher andere Sachen im Kopf.

4.) Und nun zu Jazz. Es gibt Musikkritiker, die empfehlen Musik, bei der ich mich frage, ob die irgendjemand mit Spaß hören kann. Und bei der populären Musik spielt der Spaß am Hören doch eine überragende Rolle. Einer Empfehlung solch eines Kritikers bin ich trotzdem gefolgt und finde die Musik interessant. Sie war die einzige Jazz-Empfehlung in seiner Liste, soweit ich mich entsinnen kann. Ich mag Musik, die positiv verrückt macht, also über die einfache narkotisierende Wirkung von (härterer) populärer Musik hinausgeht. Eine (Negatives) vergessenmachende Musik zweiten Grades sozusagen, die nicht nur in der Peripherie wirkt, sondern an Prozessen im Kern andockt. Jene Empfehlung betraf eine Veröffentlichung des We Jazz- Labels. Das Label sitzt in Helsinki. Im Oktober erschien dort das Dezember letzten Jahres aufgenommene Album von Petter Eldh & Koma Saxo. Petter Eldh ist ein in Berlin lebender Schwede und die Musik seines Quintetts hört sich überdurchschnittlich modern an, geht also nicht auf Distanz zu Entwicklungen des Heute und Morgen. Seine ersten musikalischen Prägungen soll er durch Hip Hop erfahren haben.

Die kreative Handhabung der Brüche zwischen den einzelnen Passagen, Rhythmusschichtungen und eine eventuelle Korrespondenz dieser mit einem Den-Rhythmus-Für-Sich-Stehen-Lassen, eine expressive Basslastigkeit und eine Hinführung zu einfachen melodischen Lösungen nach kompliziertem Vorhergehenden zeugen wohl am ehesten davon. Viel Hip Hop ist jazzbeeinflusst und nutzt Jazzsamples. Ich kenne mich im Jazz nicht genügend aus, um genügend Beispiele für Beeinflussungen in entgegengesetzter Richtung zu kennen. Zu kritisieren wäre eine zu große Nüchternheit und ein zu starkes Ausfasern. Viele dynamische Einzelentwickungen bleiben ohne gemeinsamen Bezug in den Stücken. Der Wiederkennungswert der einzelnen Stücke, das, was sie einzigartig macht, nimmt dadurch ab. Im Ganzen ist die Musik jedoch spannend genug. Das Positiv-Verrückt-Machende wird durch die Nüchternheit zwar im Rahmen(Zaum?) gehalten.

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Ich habe mir noch einige mehr Jazz-Sachen angehört, die Hip Hop-Einflüsse aufgenommen haben. Nichts hat mich überzeugt. Die Musik wurde nur noch mehr wischi-waschi. Die klare Sicht wird mehr durch Regenschlieren eingeschränkt.

Worauf ich bei Petter Eldh&Koma Saxo hinaus wollte, war eine mehr elementare Beeinflusssung. Auch wenn ich sie eher postuliere und sich HipHop- und Jazz-Fans bestürzt fragen, was ich nun meine. Diese elementare Beeinflussung greift auf die Gleichung Schnittstelle = Synapse zurück. Jede Synapse kann also als eine Schnittstelle zu einem neuen Gerät+Software+Input gesehen werden.

Dass ich immer noch auf Hip Hop als Stellvertreter für das Moderne in der populären Musik rekurriere, resultiert wohl daraus, dass ich nicht sehe, dass etwas Anderes diese Rolle statt Hip Hop eingenommen hat. Es gibt wohl auch noch viele unbefriedigte Sehnsüchte. Sehr zweifelhaft jedoch, dass sie sich jemals erfüllen werden. Wenn es in diesem Bereich maßgebliche Leistungen gibt, habe ich sie wohl weitgehend verpasst!

Eine Band, die ich bisher nur am Rande wahrgenommen habe und die im Januar ein neues Album veröffentlicht, sind Bohren & der Club of Gore. Hier gibt es einen anderen Einfluss auf Jazz. Das „Gore“ im Namen bezieht sich auf die in den späten 80ern ziemlich gehypte niederländische Band Gore. Die Instrumentalmusik von Bohren & der Club of Gore ging dann aber doch andere, eigene Pfade. Die Musik von Gore ist ziemlich gegensätzlich zu Hip Hop. Und auch hier kann man sich fragen, ob nicht ein ganzes Feld von Möglichkeiten durch einen Hype verschenkt worden ist. Die künstlerischen Möglichkeiten von Gore blieben hinter ihren Ansprüchen zurück. Ein Fraß für Intellektuelle. Ganz anders die niederländische Band God, deren Platte „Sweet life“ ich schon Ende der 80er besprach. Nur eine weitere Platte folgte. „God“ waren eine sehr kurzlebige Band. Als Inspiration für die Gründung einer Instrumentalband reichten Gore. Das Stück „Sollen es doch alle wissen“ vom neuen Bohren & der Club of Gore-Album „Patchouli Blue“ ist nun ziemlich gewöhnlicher laid back Club Jazz. Das Urbane blieb erhalten. Die kleine Dunkelheit des Clubs eingebettet in das Lichtermeer der Stadt in der großen Dunkelheit der vom Mond behüteten Nacht und alles, was Stadt ist, wird in der Musik verlangsamt, so dass der Peitschenknall in Zeitlupe am Trommelfell zerbirst. Und alles, was Welt wird, verdichtet sich in der Noten folgenden Note. Die letzten Noten als Vignetten. Mit einem Lächeln wurde begonnen. Warum es am Ende nicht statt der Stille stehen lassen? Das Hirn als Holodeck, in dem die Musik einen Club real werden lässt. Clubs und (teurer) Alkohol müssen auf mich als teilnehmenden „Genießer“ verzichten. Doch diese Erfahrungen sind entweder in mir angelegt oder ich durfte sie selber in dem Raum des Meinseins machen. Verknüpfte Synapsen als Gesprächspartner. Musik als der feste „Untergrund“ für das Sediment des kollektiven Bewusstseins der Welt(stadt). „Sollen es doch alle wissen“!

Das, wofür Gore mal stehen sollten, die Möglichkeiten von Metallischem/Hardcore, seine Nietzscheanische Tiefe, wurde nur angedacht. Ich kenne keine Platte, die diese Musik wie ein Baum war. Das diesjährige Album von Pelican war dagegen nur ein Blatt. Letztendlich waren sogar Metallica näher dran als Gore. Als Förster im Wald. Als ich in einem Leserbrief an eine Musikzeitschrift in den späten 80ern „mehr über Hardcore“ geschrieben haben wollte, meinte ich nicht die Hasskehlchen-Sprachmasturbationen, sondern antizipierte weite Wälder, auch auf Gebirgen. Sie hätten sich was ausdenken müssen. Für mich war eine Komplexität existent, für die in der populären Kultur die Manifestationen ausblieben. Stattdessen gab es Andockphänomene oder das Kräuseln der Meeresoberfläche. Oder Schaumkronenphänomene wie Weezers Blue Album. Das war es dann: die Idealität der 80er in der Realität der 90er. Komplexität kann nie zerstört werden. Aber ohne körperliche Manifestation kann sie nicht gelebt werden. Jede stolze Zelle … Code-Identität … Core-Integrität … „Say it ain‘t so“.

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Ein weiteres Instrumental-Album im Januar: „Music For Working Out“ von Aiming for Enrike. 5 Songs davon kann man sich jetzt schon anhören. Es ist adäquate Musik für die Cliffhanger-Generation der Retrohelden. Was Vielseitigkeit angeht, sind Simen Følstad Nilsen und Tobias Ørnes kleine Meister. Die Gesellenprüfung ist zumindest jetzt kein Problem mehr. Wirft man die schon besprochenen Veröffentlichungen dieses Jahres von MadMadMad, Chromatics und den PhonoGhosts zusammen und will, dass das Wesentliche(das Experimoment, die Evomotion und die Inevention) aller Musiken erhalten bleibt, wäre „Music For Working Out“ dieses Jahr die beste Wahl. Sie gefällt mir viel besser als das konfuse Vorgänger-Album „Las Napalmas“. Ihre Musik ist zur Serienreife gediehen. Routinierter Umgang mit den Sinnumfängen von auralen Entitäten und genug Mitnahmeeffekte vor dem Einsetzen des nächsten Hörsinncrashs . Mit den Methoden von Aiming For Enrike sind nun auch zweifelsfreie Nachweise für bisher unbewiesene Phänomene innerhalb und außerhalb der Erdatmosphäre nähergerückt: wie z.B. das Denken in Chromosomen oder das Orphan Afterglow. Oder Malen nach Zahlen und Rock-Musik. Musik für die Saunieren.

PRONG haben eine neue EP herausgebracht: „Age Of Defiance“. Eine Band, deren Musik mich seit meinem wiedererwachten Interesse (oder bald danach) an Hardcore und Ähnlichem begleitet. Schon über die „Force Fed“-LP schrieb ich in den späten 80ern eine Plattenkritik. Ich sah sie mit dem Bassisten von dieser EP schon ein Mal live. Eines der wenigen Konzerte, das ich in den 2010ern besuchte. Ich war nicht begeistert, aber auch nicht enttäuscht. Ziemlich normal. Sie spielen am 25.2.2020 im Kufa-Haus. Wer sich dieses „Haus“ antun will, den können PRONG auch nicht enttäuschen. Auf etwas Sensationelles müssen sie wohl verzichten. Davon zeugen auch die zwei neuen Songs auf dieser EP(der Titelsong ist etwas besser als „End of Sanity“). Fans können sie sich natürlich zulegen. Und müssen (als Fans) kein schlechtes Gewissen haben. Mich locken sie damit nicht unbedingt in ihre Konzerte. Oh, Solo(bei „Cut Rate“)! Außer „Cut Rate“ noch zwei bekannte Songs aus den 90ern live. Die Musik von PRONG aus den 90ern besaß für mich auch noch in den 2000ern Relevanz. Ich müsste mich noch einmal extra mit dieser Musik befassen. PRONG definierten PRäGNanz einzigartig neu! Prägnanter Monstertanz. PRONGNANZ. Das Inhibierende als Möglichkeitsstaffelei.

Das erste PRONG-Album, an dem der 2007 verstorbene Paul Raven beteiligt war, war „Cleansing“. Jaz Coleman widmet ihm nun das Klassikstück „The Raven King“. Widerstrebt nicht den popklassischen Hörgewohnheiten. Den geforderten höheren Erinnerungswert kann ich dem Stück allerdings auch nicht attestieren. Ich kannte Killing Joke schon früh(1982/1983). John Peel spielte „Postpunk“-Sachen. Das war neben den obskuren Sachen der wesentlichste Einfluss von John Peel auf meine Musiksozialisation. Nach meinem wiedererwachten Interesse an Hardcore und Ähnlichem wurde ich ein Feind von „Postpunk“. Dann wurde mein Verhältnis zu dieser Musik differenzierter. Zu „Love like Blood“ tanzte ich dann doch später in den Diskotheken. Kaum erwähnenswert. Den Wert des Einflusses von Paul Raven auf die populäre Musik durch seine Beteiligungen u.a. an Killing Joke, PRONG vermag ich nicht einzuschätzen. König oder Randfigur? Auch die politischen Implikationen von „Postpunk“ wären sicherlich eine gesonderte Auseinandersetzung wert. Stichwort u.a.: „faschistoider Paganismus“.

John Peel hatte mich spätestens Mitte der 90er verloren. Da war er etwas älter als ich jetzt. Die im Umlauf befindlichen Musiken hatten einen Eigenwert akkumuliert, der höher lag als die Summe seiner Teile, als das brüderliche Plus der afrikanischen Unterhaltungsmusik, als das Zusammengehörigkeit versprechende Gleichheitszeichen biederer, britischer Guitarrenmusik. Jene Akkumulierung fand in Nirvanas zweitem Album nur einen ersten Höhepunkt bzw. ein erstes Ausrufezeichen. Ich kenne keinen anderen Radio-DJ, der durch seine Präsentationsart der Musik,

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die er präsentierte, so nahe stand. Die Peel Sessions waren mir jedoch fast durchgehend zu trocken und zu halbherzig. Als ob die Bands im Urlaub nur einmal so vorbeischauen, die Libido erst durch genügend Teein/Koffein herabgedimmt werden muss und der Wohnbereich im entscheidenden Moment von den Eltern (bzw. dem Älteren John Peel) für die Party abgesperrt wird und sie nur im Flur stattfinden darf. Ausschweifung? Ja, aber in Grenzen! Die Eltern könnte ich verstehen. John Peel auch?? Aber er ließ für die Erwarteten immer ein Licht im Flur brennen(eine „Bosse“-Textzeile als Metapher verwendet; was geht noch?).

Auf dem gleichen Label, auf dem das in den letzten POPNOTIZEN besprochene Album von Petter Eldh&Koma Saxo erschien, erscheint auch „Lake“ von 3TM. Wohl nicht etwas für jeden. Etwas für mich von der Herangehensweise her Neues. Das ich nicht so einfach abtun kann. Die Sperrigkeit von Jazz kann mich nicht abschrecken. Wenn Fenster Sprossen haben, wird auch nicht viel Blickfeld weggenommen. Man kann es sich komplett bei bandcamp anhören. Teppo Mäkynen verschenkt kaum Aufmerksamkeitsressourcen des Zuhörers. Sein „Lake“ ist bei mir allerdings zugefroren und lädt zum Schlittschuhlaufen ein, das schnell zum Eiskunstlaufen wird. Das Cover zeigt zwar den See nicht zugefroren, aber das ist nur das linke Obere des Covers(vom Betrachter aus gesehen). Teppo Mäkynen ist Finne und Jazz taut auf. Das untere Rechte ist nur schwarz. Oft muss man genauer hinhören. Wenn die Erzählstränge des Saxophons oder des Basses dünner werden. Dann gleitet man nur. Die Handlung verkompliziert sich von alleine und diese „Energie“ wird mitgenommen, für z.B. einen Rittberger oder einen Toeloop genutzt. Danach ist wieder Zeit für Pirouetten. And so on. Wenn man den Radar richtig ausrichtet, kann man die Musik gut nebenbei hören. Was an diesem vorbeidrängt, kommt durch die Abpralleffekte nur noch schärfer beim Empfänger an. Ein Spiel mit dem tauben Fleck. Die Intensität wird weitergetragen – über den zugefrorenen, aufgetauten, wellenaufgerauhten See. Über dessen Eisoberfläche hinweggleitend transportieren riesige Origami-Vögel ganze Familien von Steg zu gegenüberliegendem Steg.

M.A. bringt auf „D.D.“ Country mit zarter Stimme. Gott nicht (nur) als großer Gärtner, sondern als großer Tischler, der genau schaut, wie fein der Hobel einzustellen ist und wo er genau angesetzt werden muss. Die abgehobenen Holzspäne fliegen dann – abgetimet den richtigen Auftrieb erwischend – bis in Höhen, wo sie die Sonne in Flammen setzt. Die üblichen Countrybestandteile, aber ich kann nicht sehen, worin die Überlegenheit z.B. des diesjährigen Meat Puppets-Albums gegenüber diesem in nichts besonderen Country-Album bestehen soll. (Wenn ich es doch gerne höre und nicht zu genau auf die Texte achte! In der kälter werdenden Jahreszeit mit weniger Tageslichzeit sehnt man sich nach dem Lagerfeuer)

Das waren die letzten POPNOTIZEN, in denen Neuerscheinungen vorgestellt worden sind. Zur Jahreswende folgt nur ein allgemeines Résumé, ein abschließender Rückblick auf die POPNOTIZEN-Reihe. Im nächsten Jahr kommen entweder an jedem Monatsanfang statistische Analysen zu gesellschaftlichen Themen oder Beschäftigungen mit grundrechtstheoretischen Fragestellungen. Mit einer Grundrechtstheorie habe ich schon lange angefangen und auch Verbesserungen vorgenommen. Von einem Abschluss bin ich aber weit entfernt. Eine fertige Grundrechtstheorie kommt für mich (und Deutschland?) eigentlich mindestens 5 Jahre zu spät. Das Thema bleibt aber logisch herausfordernd. Nur um zu zeigen, dass es geht!?! Irgendetwas Empirisches oder Theoretisches werde ich mir jedenfalls in monatlichem Abstand auferlegen.

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Eigentlich bin ich ganz zufrieden mit der POPNOTIZEN-Reihe. Ich wurde durch das, was ich gefunden habe, mit Inspiration versorgt. Manchmal ging ich mit dem Neuen oder Alten etwas hart ins Gericht. Aus einer Vorprägung heraus und ohne alle Veröffentlichungen zu kennen. Zum Beispiel die von Guided by Voices oder die von Nick Cave. Ich kannte nicht alles von Guided by Voices und ehrlich gesagt habe ich die ersten beiden Alben von The Birthday Party nie zur Gänze gehört und habe kein großes Interesse, mir alles von Nick Cave oder Guided by Voices anzuhören. Eine grundsätzliche Änderung meiner Einstellung hat sich nicht ergeben. Aber sicherlich würde ein vertieftes Eingehen auf ihr Werk und seine Entwicklung ein differenzierteres Urteil erfordern. Die Sachen von The Birthday Party sollte man schon alle gehört haben. Ebenso ein paar exemplarische Songs von Guided by Voices inkl. ein paar durchgearbeiteterer Songs.

An eine Begebenheit, die ich alleine unterwegs in einer fremden Stadt erlebte, musste ich mich erinnern. Ich ging auf die 30 zu, war glaube ich erst 28, und auf einem Punkkonzert wurde mir von einem anderen Konzertbesucher einer Gruppe nahegelegt, doch eher auf Jazzkonzerte zu gehen. Zu dieser Zeit hörte ich sehr wenig Jazz. Ich wurde wohl als ein störendes Element wahrgenommen. Weil sie das, was sie verkörpern wollten, nicht verkörpern konnten(und ich es mehr tat?)?. Wildheit, Unangepasstheit? Etwa zur gleichen Zeit überzeugten mich Guided by Voices live nicht. In einem TV-Interview ebenso etwa zur gleichen Zeit berichten sie über ihre Aufnahme bei dem jüngeren Publikum als „Grand Punk“(also Großväterpunk – oder „Großer Punk“?) oder „Fossil Rock“. Ich glaube nicht, dass ihr Alter mein Problem war. Mit einem gesetzteren (lehrerhaften?) Habitus ihrer Live-Show hatte es aber vielleicht doch zu tun.

Suchen und Finden

Ich höre überhaupt kein Radio und lese keine coolen Musik-Mags. Ich weiß noch nicht einmal, ob es sie gibt. In den 80ern war ich SPEX-Leser (vor allem von 1987 bis 1990). Ich kenne auch spezielle Musik-Mags. Doch für mich nicht relevant. In die Ausgaben der aktuellen Visions, Rolling Stone und Musikexpress habe ich letztes Jahr hineingeguckt, ob ich etwas übersehe. So gut wie nie der Fall gewesen.

Die Neuerscheinungslisten des Visions im Internet habe ich mir durchgehört, bei Youtube angespielt. Weniger als eine Handvoll habe ich über diese Listen gefunden. Also ein sehr geringer Prozentsatz. Insgesamt doch kein besonders erfolgversprechender Zugang. Außerdem bin ich dem Visions politisch ausgesprochen feindlich gesinnt. Von den politischen „Visionen“ her!

Um doch noch so viel zu finden, dass ich die POPNOTIZEN für mich selber als lohnend empfinden konnte, habe ich die Liste eines Ami-Indie-Mailorders durchforstet, der aber hauptsächlich auf Electronic-Tanzmusik und (oft obskure) Reissues spezialisiert ist. Daneben gibt es aber auch viel querbeet, Punk, Jazz, Avantgarde. Vielleicht liest einer der Zusammensteller „The Wire“ aus London. Ich nicht. In diesem Querbeet-Rest fand ich dann ein paar Sachen und das rettete mich dann in meiner Kurz-vor-Monatsschluss-Musiksuche. Ich verwendete immer einen fast klar berechneten Zeitausschnitt. Insgesamt verwendete ich für Suche + Schreiben durchschnittlich pro Monat knappe 2 Werktage über mehrere Tage verteilt. Eine weitere Einschränkung ergab sich aus den mir zuhandenen oder zuohrenen Quellen. Nicht selten besaß ich über youtube nur die Möglichkeit, ein exemplarisches (Promo-)Lied der Neuveröffentlichung zu hören. Ob das ganze Album mithalten kann, konnte ich nicht sagen. Bamboo sind z.B. keine so wesentliche Band gewesen. Einige ganz nette Stücke. Aber mehr Langeweile und nicht gerade besonders ambitioniert, wenn man ihr ganzes Album vom letzten Jahr hört. Auch schon das zweite bei youtube anhörbare Stück des Albums „Patchouli Blue“ von Bohren&Club of Gore gefällt mir nicht so gut wie „ Sollen

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es doch alle wissen“. Ich finde auch nicht alle Stücke vom neuen Kjetil Mulelid Trio-Album so gut wie das Titelstück. Ich hatte praktisch nur zwei Plattformen, die ich besuchte, um mir Songs und Alben anzuhören: youtube und bandcamp. Daneben noch ein paar Mal Soundcloud.

Eigentlich hatte ich ein Ami-Indie-Mag gesucht, von dem ich früher ein paar Ausgaben gekauft hatte. Stattdessen gibt es nur noch den Online-Mail-Order mit halblangen/halbkurzen Beschreibungen, der mir weiterhalf. Ich würde gerne ein cooles Jazz-Mag kennen, das mir solche Sachen, wie ich sie selber präsentiert habe, in 10facher Quantität näherbringen könnte. Ebenso ein kompetentes Country-Mag. Ich kenne auch ein solches nicht. Ebenso ein kenntniserweiterndes Mag für experimentelle und Avantgarde-Musik. Ich kenne auch ein solches nicht. Gegenüber Indie-Mags und Punk-Mags bin ich ein wenig skeptisch. Ich kenne nur abschreckende oder wenig attraktive Beispiele. Nichts, was mich auch nur daran denken lassen könnte, mir so etwas zuzulegen und in Ruhe und mit Vergnügen durchlesen zu können.

Aber: nachdem ich einige interessante Musikbeispiele gefunden habe, werde ich weiter mit Interesse nach so etwas im Netz und vielleicht sogar auch im Druckbereich Ausschau halten. Ich frage mich: gibt es noch genug gute Musik, um jeden Monat ein ganzes Heft damit füllen zu können? Vielleicht, wenn es internationaler aufgestellt ist?

Vor einigen Jahren habe ich angefangen, mich für Klassische Musik und Opern zu interessieren/zu begeistern. Ich habe auch dort einiges entdeckt und mir ein Bild gemacht. Aber diese Musik hatte ihre Zeit. Und dort neue interessante Sachen zu entdecken, ist genauso schwer. Ich kenne auch dort kein Magazin, das mich für neue Sachen begeistern könnte. Wurde bisher immer schnell langweilig. Eintönig. Das Genre(?) „Neue Musik“ ist für mich etwas negativ vorbelastet, da mein Interesse an neuer interessanter Musik bisher von der „Neuen Musik“ nicht befriedigt wurde. Auf jeden Fall ein akademischeres Genre(?) als neuer alter Jazz. Ich bräuchte wohl Neue Neue Musik!? Der Schlagzeuger von Petter Eldh&Koma Saxo Christian Lillinger ist ja sehr sehr ambitioniert und auch im Bereich „Neuer Musik“ unterwegs. DELL BRECHT LILLINGER WESTERGAARD veröffentlichten in vorletzten Jahr „Boulez Materialism – live in concert“. Serielle Musik ist auch nur intellektualisierter musikalischer Fortschritt. Angedachter Fortschritt. Ein Durchbrechen(wollen). Aber zu durchschaubar kein Fortschritt, der die Gesetze der Musik ernst genug nehmen würde, um den Ansprüchen des menschlichen Ohres und des Hörsinns zu genügen. Im Endeffekt der Musik nicht mehr als intellektuelle Überhöhung. Die man natürlich nachverfolgen kann. Aber am Ende steht ein weiterer Weg. Dem Ziel kein Stück näher gekommen. Beim Schlagzeugspiel von Christian Lillinger kann man dann auch Sehnsucht nach einer mehr dynamischen Variante bekommen. Er will neue Musikstile erfinden. Das wollte ich auch (als ich noch kein Musikinstrument spielen konnte): „Paco de Lucia + Hardcore = Flamencore“ oder eine spezielle Verschmelzung von Hardcore und Metal in der Form von „Brennendem Metall“ oder die Perfektion, die in Hardcore angelegt ist als eine die Musik selber transzendierende „Schule der Gewalt“. Es ging also um neue Stile in der populären Musik. Heute bin ich auch offen für die Erfindung von neuen Stilen jenseits der populären Musik. Jedoch habe ich mehr ein Kontinuum im Sinn. Wie will man in einem Kontinuum einen abgrenzbaren Stil verorten? Es bleibt abzuwarten, inwiefern Lillinger einem Missverständnis aufsitzt. Er setzt sich hohe Ziele. Ich bin etwas skeptisch. Es bleibt abzuwarten, inwieweit er seine Ideen zur Entfaltung bringen kann und inwieweit die Ergebnisse bahnbrechend sein können. Sein Stück von der „Koma Saxo“-LP „Blumer“ finde ich besser als die Stücke von seinem eigenen Ensemble auf den im Oktober veröffentlichten „The Meinl Sessions“ „A.S.G.“ oder „C O R“. Er verhedderrt sich das eine oder andere Mal in farbenscheinigen NeueMusik-Intellektualismen. Sein Hauptkonzept „Sound durch Struktur“ habe ich ehrlich gesagt noch nicht einmal verstanden. Ich habe zwei Assoziationen: 1.) ähnlich der langen Belichtungszeit in der Photographie wird durch das Schlagzeugspiel(also nach der Analogie

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durch die Sticks in tausend verschiedenen Positionen) ein Nest aus Holzstäben gebaut, in das das Ei des Kolumbus gelegt wird;

2.) die Einkleidung der Improvisationen an den anderen Instrumenten in ein Gewebe von in sich verhakten Mikrofasern. „Sound durch Struktur“ = ein produktiv(-paradigmatisch)es Missverständnis??

Das, was ich gefunden habe, musste mich interessieren. Um mich zu interessieren, genügen manchmal wenige Momente. Man hört weiter und wenn ich bei der Stange gehalten wurde, meine Begeisterung weitere Nahrung fand, gewann ich ein dauerhaftes Interesse. Auch wenn dauerhaft nur Teilinteressen befriedigt worden sind. Die (Gesamt-!)Zusammenstellung kann dann den Charakter einer Bastelei, einer Bricolage haben. So wie in einem Achsenkreis alles zusammengefügt wird. Letztendlich ist es mir auch zu wenig, nur ein Gimmick/ein Raster/ein Muster vom Anfang bis zum Ende durchlaufen zu lassen. Ich brauche in der Popmusik wohl generell einen Aufbau, verschiedene Muster für verschiedene Teile, die zusammenhängend ein Ganzes ergeben. Also z.B. einen Song mit Strophen, Bridges, Refrain, Licks, Solo/Soli, Riffs. So viel wurde mir nicht immer gegeben. Und wenn es mir gegeben wurde, dann wurde es mir meistens traditionell dargereicht. Mit erkennbaren Vorbildern. Das Absolute kann ich aber nicht verlangen. Wenn ich höre, dass jemand auf dem Weg ist, dann gibt es wohl ein Ziel.

Was die Verteilung nach Nationen/Kulturen angeht, ist weiterhin eine klare Dominanz der Vereinigten Staaten auszumachen. Den klaren zweiten Platz belegt wiederum Großbritannien. Danach kommen dann Norwegen, Japan, Argentinien, Deutschland, Schweden, Spanien, Niederlande und mit nur einer Veröffentlichung sind Österreich, Finnland, Australien(Nick Cave) und Italien vertreten. Franzosen spielen bei MADMADMAD mit. Ich kann zwar ein bisschen Russisch und ein paar osteuropäische Sachen habe ich mir angehört. U.a. Punk und Metal. Aber nichts für mich gefunden. Mein Pop-Musik-Geschmack ist klar westorientiert. Auch die japanischen Sachen besitzen im Musikstil natürlich Westvorbilder. Eine Ausnahme stellen vielleicht Kukangendai dar, die aber dann ebensowenig eingeordnet werden können wie die ebenfalls (nur ganz anders) experimentellen XT aus Großbritannien. Bei Letzteren könnte man sich vielleicht streiten, ob es sich tatsächlich um Musik im eigentlichen Sinne handelt oder nur um Geräuschkunst. Ansonsten gibt es noch ein paar afrikanische Einflüsse bei westlichen Bands (u.a. Ibibio Sound Machine). Oft war ich noch versucht, mehr deutsche Veröffentlichungen zu besprechen. Oft waren sie jedoch entweder eine Spur zu schludrig oder ein paar Spuren zu merkwürdig. Man muss sagen, dass sie sich im ersteren Fall im Ganzen bandmäßig zu wenig Mühe gegeben haben/die Begeisterung nicht in Musik umsetzen konnten oder im letzteren Falle eine meinen Hörempfindungen gemäße Form gar nicht erst angestrebt wurde. Alles kann ich natürlich nicht kennen, sondern nur einen vergleichsweise kleinen Ausschnitt. Auch das Jahr 2019 ist letztlich nur ein Ausschnitt. Bei Musikveröffentlichungen gibt es ja immer drei Termine: die Zeit, in der sie geschrieben wurde, die Zeit, in der sie aufgenommen wurde und die Zeit, in der sie veröffentlicht wurde. Außer zwei Alben, die erst im Januar erscheinen, wurden alle Alben 2019 in Europa veröffentlicht, aber viele natürlich nicht 2019 aufgenommen und schon gar nicht geschrieben. Die größte Werkautorität besitzt das Schreiben, die größte Präsenzqualität vor allem beim Gesang das Aufnehmen(danach bei den Blasinstrumenten, danach bei den Streich-, Zupf- und Schlaginstrumenten, danach bei den Tasteninstrumenten, keine bei der Programmierung), die größte Partizipationspossibilität die endgültige Veröffentlichung. Das ist der popmedientechnische Weg vom Inneren des individuellen Bewusstseins zum Äußeren des kollektiven Bewusstseins. Am Anfang stehen natürlich die Idee, die Unruhe oder die Muße und sagen wir mal „der Trieb“(?).

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Wenn man diese Verteilung nach Nationen/Kulturen hinsichtlich der Verteilung nach alten und neuen Bands/Projekten betrachtet, relativiert sich die us-amerikanische Dominanz deutlich. Alte und mittelalte Bands/Projekte aus den USA dominieren. Wenn man nur die neuen Bands/Projekte betrachtet, ist Großbritannien sogar leicht in Front. Und es gibt keinen großen Unterschied mehr auch zu kleineren Ländern wie Norwegen. Dass so ein kleines Land wie Norwegen relativ gut mitmischen kann, muss Gründe haben. Norwegen ist ein wohlhabendes Land. Weniger harter Überlebenskampf ist aufgrund eines beträchtlichen Wohlstands nötig und es bleibt so vielleicht mehr Zeit für Sachen der eigenen Wahl. Etwas Eigenes durchzuziehen und sich darauf zu konzentrieren, es zur „Perfektion“ zu treiben, dafür gibt es einige Beispiele in der norwegischen Kultur. Z.B. Edvard Munch, Knut Hamsun und Edvard Grieg. In der aktuellen Leichtathletik sowie natürlich in den Wintersportarten gibt es Parallelen. Außer Dänemark ist jedes skandinavische Land mindestens ein Mal vertreten. Außer Motorpsycho war mir alles neu.

Bei der Verteilung nach Stilen liegt die unangefochten größte Häufigkeit bei dem Metal/Hardrock/Punk/Hardcore-Konglomerat(„harte Guitarrenmusik“, wenn man sie zusammenfassen will). Danach gibt es eine auffällige Gleichverteilung mit einem Drittel jener Häufigkeit bei Jazz, Pop, Rock und Experimentell-Avantgarde. Wiederum mit einem Drittel bzw. der Hälfte dieser Häufigkeit tauchen Funk(im weiteren Sinne), Electro/Disco und Country auf. Jazz kam im Laufe des Jahres erst mit Anlauf dazu. Und Country noch später(von den Country-Anklängen bei den Meat Puppets einmal abgesehen). In Funk integrierte afrikanische Einflüsse sind bei Arp Frique und Ibibio Sound Machine auszumachen. Man kann sich fragen: was fehlt u.a.? Expliziter Gothic-Rock(ein Killing Joke-Stück ist aber dabei). Mittelalter-Rock. Keltischer Folk. Expliziter Techno. EBM. Deutsche Schlager. Französische Chansons. Kein einziges Mal ist Hip Hop/Rap vertreten. Ein Mal Klassik, aber der Originalsong ist Postpunk und gehört somit zu jenem Konglomerat. Zwar dominieren die Vereinigten Staaten klar in jenem Stile-Konglomerat der härteren Guitarrenmusik, doch überhaupt nicht mehr, wenn man die alten und mittelalten Bands/Projekte nicht mehr berücksichtigt. Gerade einmal eine Neuveröffentlichung einer relativ jungen us-amerikanischen Band bleibt übrig und die wird von einer Frau angeführt. Sie ist die Songschreiberin, Guitarristin und Sängerin.

Die von mir vorgestellten Alben/EPs/Singles von Bands waren für mich interessant. Sie sollen aber nicht als die Erzeugnisse von „meinen“ Vorzeigebands verstanden werden. Geschweige denn, dass ich in irgendeiner Form vorhätte, sie für mich politisch zu vereinahmen. Ich habe meine diesbezügliche Distanz auch schon bezüglich einer Band auf dem Hardcorelabel „La vida es un mus“ zum Ausdruck gebracht. Es ging um meine Rezeption. Letztendlich war meine Rolle die eines „produktiven Konsumenten“. Der noch mehr hört. Vielleicht die eine oder andere Zukunft in mehrfachem Sinne mithört. Wie jedes Individuum seine eigene Seh- und Hörweise zu der Masse der Seh- und Hörweisen aller Rezipierenden hinzufügt.

Aus Spaß habe ich mir einmal angesehen, wie viele Alben aus dem Jahre 2019 unter den SpexTop100-Alben des ganzen 2010er-Jahrzehnts zu finden sind. Ich habe sieben gefunden: die Plätze 48., 52., 55., 66., 71., 85., 91. . Für das SPEX, eine Musikzeitschrift, die ich das letzte Mal ernsthaft und verärgert ca. 1992 gelesen habe, war das Jahr 2019 also qualitativ von zu vernachlässigender Bedeutung im Jahrzehntdurchschnitt. Von diesen 7 Veröffentlichungen sind nur zwei für mich interessant, die von Matana Roberts(66.) und die von Loraine James(55.), zwei schwarzen Frauen. Die von Matana Roberts hatte ich zur Kenntnis genommen und überlegt, ob ich

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ihr Album „COIN COIN Chapter Four: Memphis“ bespreche. Ihre künstlerische Linie war mir aber musikalisch nicht klar genug. Nicht genug Trennschärfe zu einem (kontrollierten) Dampfablassen. Wie ein Maler, dem eine Leinwand gegeben wird, vorgegeben wird, die er „ganz“ „auszufüllen“ hat. Das Bild ist wild, farbig, dunkel, mit vielen aufgetragenen Schichten. Aber es wurde mehr von der Willkür des dummen Moments geformt als von einer künstlerischen Aussage. Auch die weiße Leinwand kann ein „Endzustand“ sein. So war mein Eindruck, nachdem ich das Album kurz angespielt hatte. Ich will es mir aber noch (mindestens) ein Mal ganz anhören.

Die Veröffentlichung von Loraine James „For You and I“ ist mir neu. Ich kann auf sie jetzt weder negativ noch positiv eingehen. Man kann sie sich u.a. bei bandcamp anhören.

Wenn ich einschätzen müsste, wie viel des von mir „Gefundenen“ zu dem Besten des Jahres gehört, dann wäre meine Einschätzung, dass circa 2 der besten 10 Veröffentlichungen dabei sind und circa 10 der besten 100 Veröffentlichungen. Nicht weil ich skeptisch gegenüber meinem eigenen Geschmack wäre, sondern weil ich nur einen kleinen Ausschnitt über mir aus alter Zeit bekannte Veröffentlichungs-/Verbreitungs-/Medienkanäle (und bandcamp-Label-Seiten und youtube-Kanäle) kenne. Außer ein paar Veröffentlichungen von Metalbands habe ich so gut wie nichts aus Osteuropa mitbekommen. Und obwohl ich mich über das Französische, Spanische und Italienische eigentlich ganz gut im Internet informieren kann, nur relativ wenig aus Südeuropa/dem romanischen Raum. Da ich mich mit den Veröffentlichungen der anderen 2010er-Jahrgänge wenig beschäftigt habe, kann ich keinen relevanten Vergleich zwischen den Jahrgängen anstellen.

Beim Vergleich mit den Rückblick-Jahreslisten von Musikexpress, Rolling Stone und Visions ist mir aufgefallen, wie wenig Überschneidungen es mit meiner Auswahl gibt. Außer Tool und Neil Young kaum etwas. Außerdem scheint es für Heavy-/Rock-/Pop-Kritiker geradezu verpönt zu sein, ein offenes Ohr für Jazz zu haben. Ich mag es, wenn es in dem populären Musikbereich verschiedene Einstellungen zur Musik gibt. Ich kann nicht ganz auf ernsthafte Einstellungen zum Musikalischen verzichten. Sie finden sich u.a. im Hardcore-Bereich, genauso wie im Avantgarde- und Jazz-Bereich, etc. . Im Jazz-Bereich gibt es eine auffällige Breite von ernsthaften Herangehensweisen an das Musikalische. Deshalb interessiert mich das. Ich mag auch die praktische-Lebenshilfe-Seite von Country-Musik, in der auch manchmal christliche Werte mittransportiert oder reflektiert werden. Liebe-deine(n)-Nächste(n)-Musik. Nicht dass mir die „Familien“-Werte unbedingt ins Gesicht geworfen werden müssen(ich „verstehe“ auch „No Values“ von Black Flag). Aber die praktische Seite des Lebens betrifft uns alle und wer sie in den Griff bekommt, gestärkt aus Konflikten hervorgeht, kann diese Stärke auch an andere weitergeben.

Zu dem Vorausgeschickten (Jazz, Progrock) oder zu meinem Poptheorieentwurf möchte ich in diesem Rückblick keine weiteren Ausführungen hinzufügen. Die beiden Schemata zwischen Musik und „Physik“ können wohl jedoch nicht beide den Tanz betreffen, sondern nur das Schema zur Seite der Musik hin.

Hier noch einmal die vorgestellten Veröffentlichungen:

November

M.A. – „D.D.“

3TM – „Lake“

Jaz Coleman – „The Raven King“ (aus „Magna Invocatio – A Gnostic Mass For Choir And Orchestra Inspired By The Sublime Music Of Killing Joke“, Original dieses Songs auf der Killing Joke-LP „Absolute Dissent“)

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Prong – „Age of defiance“- EP

Aiming for Enrike – „Music for working out“

Bohren & Club of Gore – „Patchouli Blue“

Oktober

Nick Cave & the Bad Seed – „Ghosteen“

Electric Peace – „Kill for your Love“ (Sampler)

Sunn O))) – „Pyroclasts“

Petter Eldh&Koma Saxo – „Petter Eldh presents Koma Saxo“

Vic Bondi

Rata Negra – „La Hija del Sepulturero“ – Single

Irreal – “Fi del mon“

Neil Young – „Colorado“

September

XT- „Palina‘tufa“

Simon Joyner – „Pocket Moon“

Studio Electrophonique – „Buxton Palace Hotel“

New Model Army – “From Here“

Ryan Teague – „Recursive Iterations“

Arp Frique

Norma Jean – „All Hail“

August

(Exkurs Poptheorie Nachtrag)

Phono Ghosts -“Warm Pad, Sharp Stab“

Messthetics -“Anthropocosmic Nest“

Hammered Hulls- dito (Single)

Tool – „Fear Inoculum“

Juli

(Exkurs Poptheorie)

Mungo‘s HiFi x Eva Lazarus – “More Fyah“

Carwyn Ellis & Rio 18 – “Joia!“

Morten Quenild

Kjetil Mulelid Trio -“What you thought was Home“

Juni

Trinary System – “Lights in the Center of your Head“

Jung an Tagen – „Proxy States“

Saint Vitus – dito

Pelican – “Nighttime Stories“

Mai

POPNOTIZEN2019Resümee7

(Exkurs Jazz)

Label für Jazz und experimentelle Musik aus Buenos Aires

(weitere mir neue Bands ohne neue Veröffentlichungen im Jahr 2019)

April

Jan St. Werner – “Glottal Wolpertinger“

Blue House – “Gob Stopper“

J. R.- „A.“(Song)

Guided by Voices – “Warp and Woof“

Orchestra of Constant Distress – “Discomfort“

Kukangendai – “Palm“

Perdu – “Jane‘s World“

Bamboo – “Daughters of the Sky“

März

Endon – “Boy meets Girl“

Ibibio Sound Machine – “Doko Mien“

MADMADMAD – “Proper Music“

Wet Dreams – dito

Meat Puppets – “Dusty Notes“

Braunkohlebagger – „Abbruch“-EP

Februar

(Exkurs: Progrock)

Motorpsycho – „The Crucible“

B. F. – „K.“

C. G. – „S. R.“

Chromatics – “Time Rider“(Song)

Januar

Cass Mc Combs – „Tip of the Sphere“

Mono – „Nowhere now here“

Lost under Heaven – „Love hates what you become“

Es ist mir nicht möglich, eine Rangliste aufzustellen. Auch weil ich mir zu vielen Sachen noch kein abschließendes Urteil gebildet habe. Viele Sachen werde ich aber weiter hören. Eine Platte, die ich wirklich sehr gerne höre, ist die von B.F. . Aber auch viele andere Sachen faszinieren mich weiterhin.

Im Februar kommt dann meine erste (weitere) Beschäftigung mit Fragen der Grundrechtstheorie.

Eine Aufnahme meines Projekts, das ich vor gut einem halben Jahrzehnt schon begann und das ich religiös und kulturell anreichern wollte. Mit Korrespondenzen aus dem Neuen Testament und dem

TaoTeKing. Letzteres werde ich erst einmal lassen. Sondern allein immanent logisch argumentieren. Meine Herangehensweise erscheint mir immer noch als die Beste. Mir ist auch, als hätte ich es praktisch vom Grundansatz schon gelöst. Aber an ein paar Schrauben muss mindestens gedreht werden. So wie es in meinem Heft steht, ist es alles andere als vollendet und viele Beziehungen und Einordnungen werden so sicher nicht stimmen. Aber ein erster Blick auf das alte Material zeigt Vielversprechendes. Ich werde an meinem Kategoriensystem der 9×9-Tabelle ansetzen und sie mit meiner 3×3-Genese-Tabelle vergleichen. Desweiteren erscheint mir mein alter Grundaufbau jedes Grundrechtes (1. Recht auf …2.a. Freiheit für … 2.b. Gleichheit von … 3. Pflicht zur …) weiter als der einzig Richtige. Sogar meine Verwendung der Substantive geordnet nach Präfixen stimmt zu oft, als dass ich das am Ende so einfach ignorieren könnte. Ich werde jedoch auch diese Möglichkeit nur im Hinterkopf behalten und das soll nicht meine Herangehensweise sein. Eine inhaltliche Auseinandersetzung muss zu einem richtigen, begründbaren Ergebnis führen. Eine der größten Schwierigkeiten und wahrscheinlich dann der Weg zum Erfolg wird wohl die genaue Bestimmung der Rechte- und Schutzinhaber sein. Denn es ist möglich, dass diese für jedes Grundrecht gesondert zu bestimmen sind. Die Menschen in ihren zahlreichen „Rollen“, die sie für andere „spielen“, in ihren Funktionen, die sie in der Gesellschaft und für die Gemeinschaft ausüben. Was ist unverzichtbar, dass man von „Grund“-Rechten und „Grund“-Pflichten sprechen kann?

Allgemein kann ich sagen: ich habe noch mehr Lust auf populäre Musik bekommen.